Der Boden entscheidet


Als ihr die Augen öffnet, ist der Wald nicht mehr derselbe. Ein düsterer, blutroter Himmel spannt sich über die Baumkronen und taucht alles in ein fahles, krankes Licht. Die Bäume stehen noch dort, wo sie immer standen - doch ihre Schatten wirken zu lang und scharf, als hätten sie sich in einem grotesken Spiel verzerrt. Der Wald fühlt sich falsch an. Leer.
Kein Wind bewegt die Äste, kein Vogel ruft und auch kein Rascheln oder Geruch verrät Beute im Unterholz. Selbst der vertraute Duft von Moos und Erde ist verschwunden, ersetzt durch eine kalte, abgestandene Schwere, die in der Luft hängt.

Selbst das Wasser ist fort. Dort, wo einst Bäche flossen, liegt nun nur noch schwarzer, zäher Schlamm. Dickflüssig breitet er sich zwischen den Wurzeln aus, reglos und bedrohlich. Wer ihm zu nahe kommt, spürt, wie der Boden nachgibt - als würde der Morast alles verschlingen wollen, was sich wagt, ihn zu betreten.

Und doch ist es nicht der Schlamm, der euch weiterführt. Ein leiser Ruf liegt in euren Gedanken. Kein Laut, kein Wort - nur ein unnachgiebiges Zerren, das eure Schritte lenkt. Tiefer in den Wald hinein, direkt zum Baumgeviert.

Als sich die Lichtung schließlich öffnet, wird klar, dass ihr nicht allein seid, denn die steinige Erhöhung ist bereits besetzt. Mehrere Katzen kauern, sitzen und stehen dort oben. Dunkle Silhouetten gegen den roten Himmel, die tuscheln, lachen und sich angeregt austauschen. Auch rings um den Felsen haben sich Gestalten versammelt - still und wachsam, als hätten sie euch längst erwartet.

Und in der schweren, unbewegten Luft dieses fremden Waldes wird klar: Ihr seid genau dort angekommen, wo ihr sein solltet.

Doch kaum seid ihr vollständig auf der Lichtung angekommen, verändert sich etwas. Das Murmeln auf - und um dem Felsen herum -  versiegt nicht abrupt, sondern bricht nach und nach ab. Stimmen verlaufen sich, Gespräche sterben mitten im Satz. Köpfe drehen sich, Blicke heben sich - einer nach dem anderen, bis sie alle auf euch ruhen. Nicht überrascht, sondern erwartungsvoll.

Oben gerät die Ordnung ins Wanken. Körper verschieben sich, Katzen treten zur Seite, ohne einander anzusehen, als folgten sie einem stummen Befehl. Eine von ihnen wird dabei zurückgedrängt, zunächst kaum merklich, dann deutlicher. Ein leises Knurren, ein Straucheln, Krallen kratzen über Stein. Für einen Moment wirkt es, als wolle sie sich behaupten, ehe auch sie sich schließlich zurückzieht und zwischen den anderen am Fuß des Felsens verschwindet.

Als die Bewegung endet, bleiben drei.

Eine breite, silbergrau getigerte Kätzin mit stumpfem Fell und zerfetztem Ohr, deren weidengrüne Augen ruhig über die Lichtung gleiten - kühl und prüfend, als würde sie nicht euch sehen, sondern das, was aus euch werden könnte.

Neben ihr ragt ein massiger schwarzweißer Kater auf, der bedrohlicher nicht sein könnte. Die Narbe, die sich von seiner Kehle bis tief über seinen Bauch zieht, ist nicht nur alt, sondern ebenso uneben und roh, als hätte sie nie wirklich heilen dürfen. Sie verzerrt jede Bewegung seines Körpers und zieht sich bei jedem Atemzug sichtbar mit. Seine hellblauen Augen wandern rastlos über die Lichtung, bleiben hängen, lösen sich wieder - und kehren doch immer wieder zu euch zurück.

Die dritte ist kaum größer als ein Schüler. Zierlich, dreifarbig und beinahe fehl am Platz in dieser schweren Welt. Und doch steht sie fest zwischen ihnen, könnte autoritärer nicht sein. Ihre goldenen Augen wirken ruhig und sanft zugleich, ohne jegliche Wärme zu bergen.

Und obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten, teilen sie alle dasselbe. Ihre Pupillen sind tiefrot und unnatürlich, statt schwarz - glimmen im auffällig im fahlen Licht, als würde etwas unberechenbares hinter ihren Blicken lauern.

Alias — Leitung
Leitung ist Offline
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