I would recognize you in any lifetime, different times

Das anfänglich windige und wolkenbedeckte Wetter, dass genauso gut in Regen hätte enden können, hatte Elster nicht davon abgehalten das Grab seiner verstorbenen Freunde zu besuchen. Er kam so oft her, wie es ihm möglich war und heute war einer der Tage, an denen er wieder lange und regungslos, wie eine Statue dort saß und sie betrauerte und an sie dachte. Doch etwas hatte sich geändert; er gedachte nicht mehr zwei Katzen, sondern drei. Hase, die Mutter von Dorn war seit letztem Mond dabei und Elster hielt sie, wie er der spitzzüngigen Schattenläuferin versprochen hatte, seitdem immer in Ehren, wenn er hier saß.

Das Wetter hatte sich mit der aufgehenden Sonne gewandelt. Der Großteil der Wolken hatte sich verzogen, die Luft roch nicht mehr feucht und der Wind hatte sich etwas gelegt. Elster löste sich aus seiner Trance, streckte seine Gliedmaßen aus und schüttelte leicht den Kopf, als wolle er damit all seine trüben Gedanken vertreiben. Noch ein letzter Blick auf seine Gedenkstätte, eine stumme Verabschiedung, dann drehte er sich um und trottete gemütlich durch das Brisenclanterritorium. Er schnupperte in der Luft, suchte nach einer Beutespur, fand aber nichts.

Elster ging entschlossen weiter. Bald schon näherte er sich der großen Zeder, blieb mit einem Abstand davor stehen und beobachtete den gewaltigen, silbrig schimmernden Baum mehrere Herzschläge lang fasziniert. Dann machte er einen Bogen darum, ging ein Stück weiter und reckte erneut die Nase gen Himmel, um irgendwas zum Fangen ausfindig zu machen, aber wieder nichts. Verärgert verzogen sich Elsters Lefzen kurz und ein leises, genervtes Knurren entkam ihm. “Ernsthaft?”

Der Schattenläufer bewegte sich weiter Richtung Westen, versuchte dabei das schattige Moor mit ihrem tückischen, morastigen Boden zu meiden und ging immer weiter, bis der Boden wieder fester wurde und mehr Pflanzen wuchsen. Die Gegend war immernoch relativ flach, aber definitiv besser bewachsen als das kahle Territorium des Brisenclans. Und vor ihm befand sich ein kleiner Wald, auf den er geradewegs zusteuerte.
Doch bevor Elster nun schon zum dritten Mal sein Glück versuchen konnte, bemerkte er...etwas. Nein. Jemanden. Erst ein Rascheln, dann sah er eine Bewegung im Dickicht, vielleicht eine Baumlänge entfernt.

Zuerst eine schneeweiße Pfote...

Sofort schrillten Elsters Alarmglocken und sein Puls schoss in die Höhe. 

Dann das Gesicht...mit schmerzlich vertrauten blauen Augen...

Seine Muskeln spannten sich an. Flieh!, schrie er sich selbst an, doch...sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Der Anblick traf ihn völlig unvorbereitet. Mitten ins Herz. Sein Atem stockte.

...und schließlich spuckte der Wald sie vollends aus. 

Evie?, schoss es Elster sofort durch den Kopf. Nein, das war eine Streunerin. Eine fremde Streunerin. Hunderte Bilder rauschten vor seinem geistigen Auge an ihm vorbei wie bei einem reißenden Fluss. Spielte sein Verstand ihm einen Streich? Evie war tot. Besuchte ihr Geist ihn? Mitten am Tag? War sowas möglich?


@Stern
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