Obwohl Schneestern ihn geschimpft hatte, da er sich mit Zwielichtpfote am Vortag aus dem Lager geschlichen und auf fremden Clanterritorium gejagt hatte - konnte dies ihm trotzdem nicht seine gute Laune verderben.
Er hatte es allen gezeigt.
Das vermutlich Unmögliche möglich gemacht und einen Hasen erlegt. Er, blind und unerfahren.
Trotz allem lief er mit einem bisschen mehr Pep im Gang durch das Lager und durchführte Tätigkeiten mit einem bisschen mehr Schwung und mehr Selbstbewusstsein.
Gelegentlich konnte man den Kater auch entdecken, wie er ein verträumtes, zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht hatte.
Schleierpfote klammerte sich an dieses sorgenlose Glück und wollte sich dies erst mal vorbehalten. Wer weiß, wann er wieder so fröhlich sein konnte.
Als er sich diesen Mondhoch im Schülerbau zusammenrollte - seinen Kopf an einen glatten kleinen Stein gelehnt - schlief er sofort beim Schließen der blinden Augen.
Wie so meist, würde er einschlafen und am nächsten Morgen aufwachen - ohne sich irgendwelcher Träume bewusst zu sein.
Doch diese Nacht wird etwas ganz Besonderes sein.
Sein Unterbewusst schwamm wohlig unwissend in einer dunklen Leere - nicht kalt, sondern warm - wie ein weicher Pelz.
Bis irgendwann die äußeren Wände dieses Reichs kurz zu vibrieren schienen, wie kleine Wellen im Wasser und mit einer plötzlichen Erkenntnis riss der Kater die Augen auf.
Doch statt zu erwachen, sah er diese dunkle Unendlichkeit vor sich.
Was ein eigentlich gewöhnlicher Zustand für den blinden Kater war.
Das Ungewöhnliche war, dass die Schwärze tiefer war als sonst. Die Leere war nicht leer, denn ein kleines Licht leuchtete leicht pulsierend in ihr - schaffte Kontrast, wo sonst keiner ist.
Ein Licht, welches von ihm ausging und bevor er sich weiter darauf konzentrieren konnte, riss diese neue Erkenntnis des Sehens seinen Blick auf etwas in der Entfernung.
Ein gefühltes Raunen schien die Dunkelheit zu verzerren, und vereinzelte Flecken in der Dunkelheit breiteten sich wie ein Waldbrand aus. Fraßen die Dunkelheit in der Ferne auf und die Brandlöcher fanden schließlich zueinander, bis eine große bunte Fläche sich ausgebreitet hatte.
Schleierpfote spitzte instinktiv die Ohren.
Nichts war zu hören.
Ungewöhnlich.
Doch in der Ferne erstreckte sich plötzlich eine… Wiese?
Sah so eine Wiese aus?
Sein noch träges Unterbewusstsein war von der plötzlichen Wucht an Farben überfordert. Farben, die er noch nie gesehen hatte. Dinge, auf die er noch nie ein Auge werfen konnte. Gierig flogen seine Augen über die Landschaft.
Plötzlich kehrte Leben in das Stillbild ein. Ein Wind belebte die Gräser und am Himmel zogen die Wolken vorbei.
War es Tag? Oder Nacht?
Schleierpfote wusste nicht mehr, wie sich dies äußerte. Kannte nur den Duft und die Geräusche der Natur.
Dann vernahm er eine weitere Bewegung.
Etwas schien aus diesem Gemälde sich herauszubewegen.
Näherte sich ihm in seiner Dunkelheit und überschritt die Grenze zwischen Schwarz und Bunt.
Traumläufer
Alias — Steffi
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Ein Traum gehüllt in Dunkelheit
Er war der Wind.
Kein Körper, keine Stimme. Er bestand nur aus Bewegung. Unsichtbar strich er über das Hochland, das sich in weichen Hügeln unter dem weiten Himmel ausbreitete. Hierher kehrte er momentan gerne wieder zurück. In seinen Träumen war dies sein Jagdort: trocken, weit, still. Ein Ort, an dem Gedanken leiser wurden. Als Wind konnte er sehen, ohne gesehen zu werden. Hören, ohne gehört zu werden. Er liebte es, die Kontrolle zu behalten. Doch diesmal war etwas anders.
Ein Zittern ging durch die Landschaft, als würde das Gleichgewicht kippen.
Am Horizont breitete sich Dunkelheit aus. Keine Nacht, sondern Leere.
Sie fraß das Licht, verschluckte Geräusche, ließ selbst den Wind stocken.
Kralle spürte sie, diese Grenze zwischen seinem Traum und... etwas anderem.
Etwas Fremdem. Langsam zog es ihn dorthin. Nicht aus purer Neugier. Sondern weil ein Teil von ihm es spürte: da war jemand. Azurblick etwa?
Er nahm Form an, als er den Schwall durchschritt. Sein Körper formte sich aus dem Wind, wurde schwerer, fester, greifbar. Silbergraues, langes Fell. Scharfe Krallen, grüne Augen, alt und wachsam. Sein vertrauter Körper. Seine alte Stärke.
Und vor ihm: die Dunkelheit.
Mittendrin: ein Licht.
Zittrig. Lebendig. Ungeformt.
Kralle trat näher. Die Leere unter seinen Pfoten wich. Weicher Boden entstand dort, wo er trat. Der Raum um ihn begann zu atmen.
„Warum ist es hier so finster?“ Seine Stimme war ruhig, aber durchdringend. Nicht furchtsam. Nur feststellend. Auf eine Antwort wartete er nicht, bevor er die Augen kurz schloss und Farben fließen ließ. Gras wuchs. Licht entstand. Ein Himmel formte sich über ihnen, weit und klar. Nicht aus Gefühl, sondern aus Willen. Dann richtete sich sein Blick auf das Licht vor ihm. Nein, gewiss nicht Azurblick...
„Was bist du?“ fragte er. Mit ruhiger Stimme, aber fester Haltung. Ein Moment Stille.
Dann die unsichere Antwort, wie ein Flüstern im Wind:
„Hä? Ich bin eine Katze?“
Ein leichtes Schnauben entkam ihm. Ein Schnauben als Erstaunen über die schlichte Ehrlichkeit. Kralle senkte den Kopf ein wenig, der Blick wurde prüfend. „Wenn du wirklich eine bist, dann zeig es mir.“ Er machte eine kleine Bewegung mit dem Schweif, trat einen Schritt zurück, um Platz zu lassen. „Du musst es dir nur vorstellen.“ Sein Blick ruhte auf dem Licht. Kein Druck. Aber auch keine Nachsicht. Ruhig wartete er.
Alias — Leni
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Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen
Das Etwas, das in seine wohlige Dunkelheit eindringte, nahm Gestalt an.
Gemütlich und langsam, wie ein umarmender Schleier, fielen die Farben, wie als würde es von liebkosenden Pfoten kreiert werden.
Das Licht konnte seinen Augen nicht trauen.
Auch wenn es diese Form noch nie gesehen hatte, so erkannte er direkt eine andere Katze vom Sehen her.
Mit jeden Schritt brachte der unbekannte Kater seine Vorstellung und sein räumliches Denken.
Sofort verzog sich die Dunkelheit und fügte sich der Perspektive des anderen, und auch das Licht passte sich an: Wurde kleiner und unscheinbarer, sank zu Boden
Der silbergraue Kater sprach etwas.
Plötzlich, wie ein Knall, wie eine Stichflamme, erstreckte sich dann auch hier die Landschaft, aus der der Kater getreten war. In der Ferne dehnte sich die Realität langsamer aus und grenzte am Horizont. Weiter reichte das Auge auch nicht.
Ehrfurcht und Staunen wären auf seinem Gesicht abgebildet - hätte er eins gehabt.
Das Licht drehte sich. Leuchtete schneller, wie ein rasendes Herz.
“Was bist du?”
Was bin ich?
Plötzlich war er hellwach; als hätte man ihn mit kaltem Wasser übergossen.
Er war hier. Da.
Er war mehr als nur ein Voyeur.
Und ein Augenpaar musterte ihn. Er fühlte sich nackt und entblößt.
“Hä? Ich bin eine Katze?”, erwiderte er vorsichtig.
War er das?
Wie ein Tropfen, der die Wasseroberfläche erschütterte, so zitterte kurz auch die Form des Lichts.
Der Blick des anderen wurde eindringlicher. Das Licht zitterte erneut ehrfürchtig auf.
“...Zeig es mir. Du musst es dir nur vorstellen.”
Das Licht schaukelte kurz von links nach rechts, als würde es widerwillig den Körper schütteln. Nein, ungläubig.
Vorstellen?
Mit einem Mal ploppten vier Beinchen aus dem Licht heraus. Dann formten sich hinten ein Schweif und vorne ein Kopf - ahmte die Form des anderen Katers nach. So fühlte es sich auch richtig - gewohnt an.
“Ich bin Schleierpfote,” miaute der kleine junge Kater. Nicht als Begrüßung, sondern mehr zu sich selbst - als Bestätigung.
Das war er - seine Identität.
Er hielt inne.
Er wusste nicht ganz, wie er genau aussah, also ahmte er auch hier das Aussehen des Katers nach.
Ein Windhauch wehte das Licht weg und entblößte einen silbergrauen langen Pelz. Es ähnelte dem der Gestalt sehr, doch bei genauerem hinschauen war der Pelz der kleinen Katze dichter, undurchdringlicher und ein wenig... ölig, die Pfoten schmaler, die Krallen kleiner und stumpf. Auch das Gesicht nahm eine andere Form an, ungleich die seiner Muse.
Was vor allem herausstach, war, dass nicht die gleichen hellgrünen Augen zurückschauten, sondern milchige, blinde Augen, die aber aufmerksam alles gierig beobachteten - sehen und betrachten.
“Wer bist du?” fragte Schleierpfote freundlich, aufgeregt und wirbelte um den großen Kater herum. Musterte ihn einmal von hinten und schaute sich dann die Landschaft an und gab ein erstauntes Geräusch von sich.
“Wo sind wir?”
Sein Blick glitt an seinem Körper hinab. Etwas unzufrieden grummelte er.
Er schloss die Augen und die silbergraue Farbe wurde absorbiert, bis nur ein strahlendweißer Pelz verblieb.
“Gehörst du zum Sternenclan?” fragte er nun etwas beiläufig, während er in Gedanken überlegte, wie er aussah: Zauberte sich orangene Flecken, wie seine Mutter und Zinnoberjunges angeblich hatten; dunkelgraue Streifen, wie sein Vater hatte; dunklere Tupfen, wie sie Leopardenteich hatte.
Schließlich entstand eine farblich missgebildete Katze.
Schleierpfote betrachtete sein Werk und empfand es als gut.
Stolz warf er den anderen Kater ein Grinsen zu, wo die Worte ‘Toll, oder?’ ungesagt mitflogen.
Zufrieden mit seiner Kunst inspizierte er einen Stein am Boden - die Augen ganz nah -, kratzte an der Erde, begutachtete den entstehenden Dreck, nieste.
Er schmiess den Kopf in den Nacken und schaute gen Himmel.
“Sieht so Sonnenhoch aus?”
Endlich ebbte seine ungeballte Energie ab und er kam zur Ruhe.
Fasziniert vom Anblick des Himmels. Kein Wunder, starrten alle immer nachdenklich dorthin.
Traumläufer
Alias — Steffi
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Worte, die fremd schmecken
Das Licht hatte sich verwandelt. Ungelenk zuerst, dann entschlossener. Aus dem wabernden Leuchten war eine Gestalt geworden, die sich an seiner eigenen orientiert hatte... zu nah, zu ungenau, zu fremd. Doch dann, als der Wind sie streifte, wurde aus der Kopie etwas Eigenes: dichterer Pelz, schmalere Pfoten, blinde, aber gierig forschende Augen. Kralle beobachtete die Veränderung schweigend. Nur ein kurzes Nicken, als der Schüler sich selbst benannte. „Besser“ , murmelte er leise, mehr zu sich als zum anderen.
Er ließ es geschehen, dass der Kleine um ihn herumwirbelte, ihn musterte, fragte, staunte, sich selbst neu erfand wie ein Maler, der sein erstes Bild nicht aus der Erinnerung malt, sondern aus Sehnsucht. Die grellen Farben, die Flecken, das stolze Grinsen. All das trug einen jugendlichen Trotz, der Kralle nicht störte. Im Gegenteil. Es erinnerte ihn daran, wie ungefiltert diese Träume sein konnten, wenn man sie nicht kontrollieren wollte. Er betrachtete das Fell, die Muster, die Stimme, das überbordende Fragen. Eine Clankatze, daran bestand für ihn kaum ein Zweifel. Die Energie, das Selbstverständnis... das war nicht die Sprache eines Streuners. Wahrscheinlich BrisenClan, überlegte er kurz. Wer sollte sich sonst im Traum mit seinem verweben, wer keine Verbindung zu dem Gebiet hier hatte?
„Sieht so Sonnenhoch aus?“ , fragte Schleierpfote schließlich, den Kopf im Nacken, während sein Blick den Himmel verschlang. Kralle trat neben ihn, der eigene Schatten fiel über den kleinen Kater, nicht drückend, nur rahmend. „Sieht so aus“ , antwortete er schlicht. Dann setzte er sich, die Landschaft wurde ruhiger, der Wind flacher. „Du bist neu in dieser Welt“, stellte er fest, ohne Frage. „Und doch kannst du formen. Sehen. Sein. Nicht schlecht.“
Er schwieg kurz, dann antwortete er auf die Frage, die noch in der Luft lag. „Ich gehöre nicht zum SternenClan.“ Keine Schärfe lag in der Stimme, nur Wahrheit. Das Wort schmeckte fremd in seinem Maul. Er hatte es schon gehört, irgendwo, irgendwann, bei Streunern, die von Clankatzen sprachen, bei Geschichten aus alten Tagen. Eine Art Geisterglaube, dachte er. Katzen, die mit den Toten sprechen wollten. Aber was immer der SternenClan war. Es war nie seins gewesen. Er glaubte an das, was er sah. Und an Träume, ja, aber nicht an... tote Katzen.
„Ich bin Kralle. Sprecher der Schattenläufer. Und das hier…“ , sein Blick wanderte über das Hochland, das sich inzwischen in alle Richtungen erstreckte und auch das letzte Stückchen Dunkelheit vertrieben hatte, „…ist das, was passiert, wenn du einen Traum mit jemandem teilst, der weiß, was er tut. Wir befinden uns auf dem trockenen Hochland, im BrisenClan-Gebiet.“ aber das sollte er ja wissen... dachte ich. Aber scheinbar nicht? Oder liegt es daran, dass er... er blind ist? Er schaute sich um und dachte darüber nach.
Schließlich richtete er den Blick wieder auf Schleierpfote. Er sah ihn sich selbst betrachten, sah die Ungenauigkeit der Farben, die kindliche Freude über jedes Detail, das sich richtig anfühlte. Dann fragte er, leise, aber klar: „Warum bist du hier, Schleierpfote?“ Kein Vorwurf. Nur der Wunsch, zu verstehen, ob das hier Zufall war oder der Anfang von etwas, das mehr Bedeutung trug, als sie beide gerade greifen konnten.
Alias — Leni
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He gave birth to me // I'm as free as a bird now and this bird you cannot change
Ein Schatten fiel über den kleinen Kater. Begeistert betrachtete er diesen.
So sah es also aus, wenn jemand näher an ihn herantrat und die Wärme der Sonne plötzlich wich.
“Sieht so aus”, meinte der große Kater feststellend. Für ihn war dies natürlich offensichtlich. Schleierpfote konnte trotzdem nicht aufhören, laut brummend zu schnurren.
Er konnte sehen! Sein Traum ging in Erfüllung und das Unmögliche ist eingetreten.
“Du bist neu in dieser Welt.”
Schleierpfote legte fragend den Kopf schief und das Schnurren verstummte allmählich.
Dieser Welt?
Plötzlich verlor er sein Gefühl für Identität und Sein.
Das Ganze war tatsächlich viel zu skurril und surreal, um echt zu sein.
Bis vor wenigen Herzschlägen war er nur ein Etwas, das im Dunklen trieb, und wie ein Junges, das zum ersten Mal das Licht erblickte, erschien plötzlich dieser Kater vor ihm und er wurde etwas.
Er wurde geboren.
“Ich gehör’ nicht zum Sternenclan.”
Riss ihn die Stimme aus seinen Gedanken, welche sich bereits verflüchtigten.
Dachte ichs mir doch. Kein Sternenclan, hah!
Ein Krieger von einem anderen Clan? Der Titel ‘Sprecher der Schattenläufer’ beeindruckte den kleinen Schüler aber.
Und Kralles Erscheinen gab ihm Sicht, weswegen er dem Kater nicht misstraute - im Gegenteil.
Bewundernswert starrte Schleierpfote den anderen Kater an. Er wollte gar nicht blinzeln - Angst, dass ihm diese Fähigkeit entrissen wird. Doch ein sanfter Wind ließ seine Augen trocken werden und er war gezwungen, diese zu befeuchten.
Aufmerksam folgte Schleierpfote dem Blick von Kralle - über die Wiese.
So schön, hauchte er fasziniert. Er konnte sich nicht satt sehen.
“... einen Traum mit jemanden teilst…”, diese Worte ließen die Ohren des jungen Katers überrascht zucken.
Du hast mich nicht geboren?
Fast hätte er es vor Überraschung laut gesagt, doch schnappte schnell das Maul zu. Seine ganze Willenskraft am Nutzen, um keine Scham zu spüren.
Der Brisenclan?
Nun staunte er doch mit offenem Maul.
Gestern war er auf Brisenclan Territorium gewesen. Diesen Anblick hatte er also verpasst. In sein Lächeln zeigte sich die Wehmut.
Einen Moment schwiegen sie.
Schleierpfote nutzte diesen und rückte ein Stück näher an Kralle. Schaute diesen von unten treudoof, strahlend an.
“Warum bist du hier, Schleierpfote?”
Der junge Schüler runzelte die Stirn, irritiert, und dann legte er fragend den Kopf schief.
Was für eine tiefgründige Frage.
“Weil…”, er zögerte und entschied sich für eine einfache Antwort, “ich schlafe?”
Mit einem Satz sprang der Schüler plötzlich auf und eilte vor den großen Kater, stampfte er mit einer Pfote auf.
“Von was träumst du so”, fragte er den anderen zurück und testete den Namen des Katers auf der Zunge, “Kralle.”
Nun wandte er den Blick auf seine eigenen Pfoten und fuhr dort die Krallen aus. Betrachtete, wie sie aus der Krallenscheide erschienen.
Dann blickte er auf und tänzelte auf der Stelle, schaute nach links und dann rechts.
Sein Blick folgte konzentriert einem fliegenden Etwas in der Ferne.
War das ein Vogel?
“Ist das nicht dein Traum?”, gab er beiläufig zurück und inspizierte einen Käfer am Boden.
“Ich weiß nicht, wie die… Welt aussieht.”
Kurz überlegte er, den Käfer mit der Pfote zu ärgern oder zu zerdrücken, doch stattdessen machte er dem Insekt Platz - es verkroch sich in sein Erdloch.
“Oder irgendetwas.”
Sein Blick suchte zum ersten Mal nicht, sondern fand die Augen des anderen Katers sofort.
“Ich bin eigentlich blind, weißt du,” vertraute er dem silbergrauen Kater belustigt an, mit einem zarten Hauch Traurigkeit.
Um schnell davon abzulenken, sprang er auf und deutete in die Ferne.
“Wer zuerst bei den großen Felsen ist”, forderte er den Kater heraus.
In sekundenschnelle stand er wieder auf allen Vieren und sprintete davon.
Er war voll mit ungezügelter Energie.
Noch nie konnte er ein Wettrennen abhalten!
Wer wollte schon mit einem Blinden Fangen spielen oder Kräfte messen?
Noch nie konnte er so ungezähmt rennen - die Gedanken nicht damit beschäftigt, auf seine Sinne zu achten, um nicht zu stolpern.
Sondern fühlte den Wind in den Ohren, den Augen - im dichten Fell; wie die Krallen Halt suchten im trockenen Wiesenboden, der Blick aufrecht und die Augen suchend - nicht starr.
Einfach weil ers konnte: schlug er viele Haken; sprang über kleine Hindernisse, über die man eigentlich drüberlaufen konnte; machte einen Purzelbaum beim Rennen und stieß sich drehend von einem kleinen herausragenden Stein ab; stolperte in einen Busch und rappelte sich wieder auf.
Während der kleine Kater rannte, legte er den Kopf in den Nacken, schaute mit funkelnden Augen in den Himmel und lachte. Unverblümt.
Wenn das ein Traum ist, dann will ich nie wieder aufwachen…
Traumläufer
Alias — Steffi
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Träume von Freiheit
Er schwieg, während der kleine Kater sprach, fragte, rannte, sprang. Sein Blick blieb ruhig auf Schleierpfote gerichtet, auch als dieser ihm näher kam, ihn von unten her ansah, als wäre er ein Fels oder eine uralte Eiche, die seit Monden an derselben Stelle stand. „Weil ich schlafe“, hatte Schleierpfote gesagt, als Antwort auf seine Frage. Kralle schnaubte leise, kaum hörbar. Eine einfache Antwort für eine schwierige Sache, aber vielleicht war es gerade das, was sie hier brauchten. Kein Philosophieren, sondern Tun.
Er spürte, wie der Junge ihm näher rückte, fühlte das ungebremste Vertrauen, diese kindliche Offenheit, die ihn zugleich berührte und vorsichtig machte. Der kleine Kater ahmte die Welt nach, bestaunte seine eigenen Krallen, einen Käfer, das Licht, den Himmel. Er hatte recht. Dies war nicht seine Welt, und doch war sie jetzt auch seine. Die Landschaft gehörte beiden. Das machte Träume gefährlich. Doch von Gefahr verstand der kleine Kater noch nichts in Zusammenhang mit geteilten Träumen.
Kralle überlegte einen Moment. Schleierpfotes Frage war naiv, aber auch berechtigt. Von was träumte er? Von Ruhe, vielleicht. Vom Wind, der alles forttrug, was zu schwer war. Von Freiheit, die kein Territorium kannte. Von dem Hochland, in dem niemand fragte, ob er richtig oder falsch war. Doch das alles sprach er nicht aus. Stattdessen sagte er trocken: „Ich träume von Freiheit.“ Er sah, wie der Schüler den Käfer laufen ließ, und ein leiser Zug von Anerkennung zuckte ihm durch die Miene.
„Blind“ , wiederholte er nur, ohne Mitleid in der Stimme. Er sagte es, wie man einen Umstand feststellt: Der Boden ist trocken. Der Himmel ist weit. Du bist blind. Und trotzdem warst du der Erste, nach langer Zeit, der mich wieder gesehen hat . Das fügte er nicht hinzu.
Dann kam die Herausforderung. Kralle wollte gerade den Mund öffnen, vielleicht um zu sagen, dass das hier kein Spiel war, doch der Schüler war schon losgerannt, sprang, purzelte, drehte sich im Lauf, lachte laut. Kralle sah ihm nach, ein leises, kaum merkliches Zucken in seinem Schweifansatz verriet, dass etwas in ihm reagierte... ein Ziehen, nicht unangenehm, aber fremd. Der Junge war wild, ungebändigt, er rannte, weil er es konnte, weil ihn niemand stoppte. Vielleicht wäre er damals auch so durch die Wildnis gerannt, wäre er frei gewesen.
Für einen Herzschlag lang ließ Kralle den Blick schweifen. Der Wind griff in sein Fell. Dann trat er an, nicht hetzend, sondern geschmeidig und ruhig, wie eine Katze, die weiß, dass sie jeden überholen kann, wenn sie will... oder es eben sein lässt. Er folgte dem Schüler über das Hochland, in diese geteilte Welt aus Traum und Freiheit. Ohne Eile.
Kralle ließ den Blick über das weite Hochland gleiten, während der Schüler rannte, sprang, Purzelbäume schlug. Ein Teil von ihm blieb still stehen, der andere folgte längst. Die Szene war schief und trotzdem schön: wie ein Moosball, der versucht, ein Adler zu sein. Es war nicht perfekt, aber es war… echt. Der Wind strich ihm durch das Fell. Sein Blick wurde schärfer, der Horizont flimmerte. Etwas in seinem Inneren rief ihn zurück, das Gefühl von nahendem Erwachen. Der Atem des echten Lebens schob sich zwischen die Traumfäden. Es war für ihn Zeit zu gehen.
Kralle blieb einen Moment still stehen. Der Wind um ihn herum verstärkte sich für einen einzigen Herzschlag, peitschte plötzlich durch das trockene Gras, als wollte er ihn fortreißen, zurück in die wache Welt. Der Himmel, der eben noch klar gewesen war, begann am Rand zu flimmern, als hätte jemand mit den Krallen an der Traumhaut gekratzt. Die Farben der Landschaft zogen sich minimal zurück, nur ein hauchdünner Schleier, der sich über das Bild legte. Kaum sichtbar, aber Kralle spürte es.
Es war Zeit. Kralle wollte gerade nichts sagen, doch da war dieses Ziehen in der Brust. Ein Gedanke, der zu schwer war, um ihn zu ignorieren. „Lauf ruhig weiter“ , sagte er schließlich, die Stimme wie der tiefe Ton eines nahenden Gewitters, nicht laut, aber bestimmend, von einer Klarheit, die nachhallte. „Aber der Wind dreht sich schneller, als du denkst.“
Die Worte blieben in der Luft stehen, wie ein Echo, das der Traum selbst festhielt. Dann veränderte sich der Boden unter Kralles Pfoten. Er wurde erst weich wie Moos, dann durchscheinend wie Nebel, schließlich war da nur noch Wind, der durch ihn hindurchstrich. Sein Körper löste sich nicht in eilender Panik auf, sondern mit der Ruhe eines Katers, der wusste, wann es Zeit war zu gehen. Elegant. Anmutig.
Der Wind wurde noch einmal stärker, fast so, als würde er die Gräser niederdrücken, der Himmel flackerte zwischen Sonnenhoch und dämmernder Ferne. Doch es war nur ein Moment, dann flaute der Sturm ab, ließ Schleierpfote zurück in einer Welt, die nun ganz in seinen Pfoten lag.
Vielleicht konnte der Schüler das Bild halten. Vielleicht aber auch nicht. Kralles Willenskraft hatte die Landschaft in Form gehalten: das Hochland, den Himmel, das Licht. Jetzt, wo er verschwunden war, würde sich der Traum verändern, so wie Wasser seine Form verliert, wenn man die Schale wegnimmt. Immerhin hatte Schleierpfote noch keine Erfahrung darin Träume derartig zu formen. Woher auch? Mal abgesehen davon hatte der junge Kater ja gar keine Vorstellung davon wie die Welt um ihn herum aussah. Vielleicht würde Schleierpfote den Himmel noch heller machen, die Felsen verzerren, die Farben bunter oder schiefer malen. Vielleicht würde das Gras zu Licht werden, oder alles zurück in Dunkelheit fallen.
Aber das war nicht mehr Kralles Sache.
Ein letzter Blick. Dann wurde er Wind. Und der Wind war fort.
Alias — Leni
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