Distelstern ließ ihren blattgrünen Blick über die Versammelten schweifen nachdem sie ihre nächsten Entscheidungen verkündet hatte. Einige ihrer Clangefährten schienen damit besser zurechtzukommen als mit ihrem ursprünglichen Vorschlag. Andere würden vermutlich weiterhin daran zu knabbern haben. Das war in Ordnung. Sie erwartete nicht, dass jeder ihrer Entscheidungen sofort mit Begeisterung begegnete. Solange sie verstanden, weshalb sie getroffen wurden.
Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Goldfuchs' leichtes Nicken. Ihre Ohren zuckten kaum merklich. Er schien mit der Anpassung leben zu können. Zumindest vorerst. Und das war mehr, als sie nach seinem trockenen Lachen und seinen bohrenden Fragen erwartet hatte. Seine Einwände waren nicht falsch gewesen. Sein Ton hatte ihr nicht gefallen. Aber der Inhalt? Den konnte sie nicht einfach beiseitewischen, nur weil ihr Stolz für einen Herzschlag daran hängen geblieben war.
Dann erhob Eisenbiss seine Stimme. "Ich werde gerne am zusätzlichen Training teilnehmen!" Distelsterns Blick legte sich auf den silbernen Kater. Einen Herzschlag lang betrachtete sie ihn ruhig. Eisenbiss war kein einfacher Krieger. Er war aufbrausend, hart, voller Zorn und selten bereit, diesen zu verbergen. Doch gerade diese Härte konnte im Training nützlich sein, wenn sie in die richtigen Bahnen gelenkt wurde. Wenn. Sie nickte ihm einmal knapp zu. "Das nehme ich gerne an, Eisenbiss." , miaute sie ruhig."Deine Erfahrung im Kampf wird nützlich sein." Eine kurze Pause folgte.
"Aber ich erwarte von jedem Krieger, der sich diesem Training anschließt, Disziplin. Es geht nicht darum, Schüler aufzuhetzen oder Wut in ihnen zu schüren. Es geht darum, ihnen beizubringen, einen Kampf zu überstehen." Ihr Blick glitt kurz zu Steppenpfote. Dann weiter zu Myrtenpfote. Und schließlich über die übrigen Schüler, die sich unter den Versammelten befanden. "Wir trainieren nicht, damit ihr unbedacht in Krallen rennt. Wir trainieren, damit ihr wisst, wann ihr ausweichen, wann ihr zurückweichen und wann ihr zuschlagen müsst." Sie blinzelte einmal ruhig. "Wer daran teilnimmt, wird sich daran halten." Ihr Ton ließ wenig Spielraum für Widerspruch. Wie es aussprach, daran wurde klar, dass dies kein Vorschlag war.
Der Wind strich über den Hochfelsen und fuhr ihr durch das nachtschwarze Fell. Für einen Moment spürte Distelstern das Ziehen in ihren Gliedern stärker als zuvor. Die vergangenen Tage hatten Spuren hinterlassen, auch wenn sie sich Mühe gab, diese vor ihrem Clan nicht offen zu zeigen. Echowind hätte ihr vermutlich geraten, die Versammlung längst zu beenden. Vielleicht hätte er damit sogar recht gehabt. Doch noch war sie nicht fertig.
"Ich möchte außerdem, dass jeder, der in den nächsten Tagen ungewöhnliche Spuren, fremde Gerüche oder auffälliges Verhalten an der Grenze bemerkt, nicht versucht, allein daraus schlau zu werden." , fuhr sie fort. "Ihr meldet es Schattenfrost oder mir. Sofort." Ihr Blick wurde einen Hauch ernster. "Keine eigenmächtigen Nachforschungen. Keine Alleingänge." Für den Bruchteil eines Herzschlags dachte sie an ihren eigenen Schüler. Dann an Goldfuchs. Dann an all jene Katzen, die aus Mut, Stolz oder Sorge viel zu schnell eine Pfote zu weit setzten. "Der GlutClan hat uns gezeigt, dass er nicht davor zurückschreckt, unsere Grenzen und unsere heiligen Orte zu entehren. Wir werden daraus lernen. Aber wir werden uns nicht von ihnen in Unordnung treiben lassen." Sie hob das Kinn etwas. "Ab dem nächsten Sonnenaufgang werden Schattenfrost und ich die Patrouillen entsprechend einteilen. Wer für die Grenze zum GlutClan eingeteilt wird, geht nur in der vorgegebenen Gruppe. Wer krank, erschöpft oder verletzt ist, meldet sich vorher. Ich will keine Katze an dieser Grenze sehen, die nicht in der Lage ist, im Notfall zu laufen oder zu kämpfen." Dabei glitt ihr Blick kurz, beinahe unwillkürlich, in Richtung Heilerbau. Sie würde Echowind später ohnehin noch einmal sprechen müssen. Über ihre eigene Genesung. Über die Einsatzfähigkeit des Clans. Über alles, was nun schwerer auf ihnen lag als zuvor.
Dann sah sie wieder zu den Versammelten. "Wir werden nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Dafür ist zu viel geschehen." Ihre Stimme blieb ruhig, doch unter der Ruhe lag etwas Dunkleres. Kein Zorn, der sie beherrschte. Eher ein Zorn, den sie sorgsam in ihren Pfoten hielt, damit er nicht den falschen Weg nahm. "Fichtenstern hat mir ein Leben genommen. Er hat geglaubt, damit Angst in unser Lager werfen zu können." Für einen Herzschlag schwieg sie. "Vielleicht hat er das auch geschafft." Ihr Blick glitt über Taubenfeder, über Lerchenflügel, über Kupferblatt, über die Schüler, über die Krieger, die ihre Krallen in den Boden gedrückt hatten. "Aber Angst bedeutet nicht, dass wir gebrochen sind." Ihre Schwanzspitze zuckte leicht. "Angst kann uns vorsichtig machen. Wut kann uns wachsam machen. Sorge kann uns daran erinnern, was wir schützen wollen." Sie atmete einmal ruhig ein. "Aber keine dieser Empfindungen wird für uns entscheiden." Distelstern richtete sich ein wenig gerader auf, obwohl ihre Muskeln dagegen protestierten. Der Hochfelsen unter ihren Pfoten fühlte sich kühl an. Vertraut. Schwer. "Wir entscheiden."
Ein letzter Blick ging über den Clan. Diesmal nicht prüfend, sondern sammelnd. Als wollte sie jeden einzelnen von ihnen noch einmal sehen, bevor sie die Versammlung beendete. "Ruht euch aus, solange ihr könnt. Sprecht miteinander, wenn euch diese Nachrichten schwer im Magen liegen. Und wenn ihr Angst habt, dann schämt euch nicht dafür." Ihr Blick wurde einen Herzschlag weicher. "Aber lasst sie euch nicht führen." Dann hob sie den Kopf. "Das Clantreffen ist beendet."
Für einen Moment blieb Distelstern noch auf dem Hochfelsen stehen. Nicht, weil sie nicht hinabspringen wollte. Sondern weil sie ihrem Clan nicht den Rücken zudrehen wollte, bevor die ersten Katzen sich in Bewegung setzten. Erst als sich die Spannung der Versammlung langsam löste, spannte sie ihre Hinterläufe an und sprang vom Felsen hinab. Ihre Landung war kontrolliert, wenn auch nicht ganz so leichtfüßig wie sonst. Sie ließ sich nichts anmerken.
Nicht jetzt.
Angesprochen: Alle Anwesenden Katzen
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Taubenfeder hatte kaum bemerkt, wie sehr sich ihr Körper angespannt hatte, bis Distelsterns Stimme erneut durch das Lager glitt und sich wie ein ruhiger, klarer Faden durch all das aufgewühlte Durcheinander zog. Sie saß noch immer dort, die schmalen Pfoten eng unter sich gezogen, der Schweif fest um ihre Beine geschlungen, als müsste sie sich selbst daran hindern, vom nächsten Windstoß einfach davongetragen zu werden.
Und doch… etwas in ihr begann sich zu lösen.
Nicht viel. Kein plötzlicher Mut, kein aufkeimender Trotz wie bei manchen der anderen. Aber ein kleines, vorsichtiges Nachgeben der Anspannung, als würde sich ein zu fest gezogener Knoten um einen winzigen Herzschlag lockern. Ihr dunkelblauer Blick lag fest auf der Anführerin, folgte jeder ihrer Bewegungen, jedem leichten Zucken ihrer Ohren, jeder bewussten Pause zwischen den Worten. Distelstern war ruhig. So ruhig. Selbst jetzt noch, nach allem, was geschehen war. Nach dem verlorenen Leben. Nach den Berichten über den Adlerfelsen.
Taubenfeder verstand nicht, wie sie das konnte.
Und vielleicht… war genau das der Grund, warum sie ihr glaubte. Als Distelstern Goldfuchs ansprach, Eisenbiss, dann die Schüler, wanderte Taubenfeders Blick kurz zu den jeweiligen Katzen. Sie sah den Stolz, die Spannung, das Flackern von Wut oder Zustimmung. Alles fühlte sich so groß an, so laut. Selbst wenn mal niemand sprach. Und mittendrin saß sie, klein und leise, und hatte das Gefühl, dass ihre eigenen Worte von eben noch wie ein zarter Federflaum im Sturm gewesen waren.
Doch bei den folgenden Worten... "Und Vorsicht ist nicht feige." Taubenfeders Ohren zuckten. Langsam, fast ungläubig, hob sie den Kopf ein wenig mehr. Ihre Augen weiteten sich einen Hauch, während sich diese Worte in ihr senkten, tiefer als alles, was zuvor gefallen war. Sie waren nicht laut gesprochen worden. Nicht mit Nachdruck oder erhobenem Ton. Und doch trafen sie sie direkt. Vorsicht ist nicht feige. Für einen Herzschlag war da nur Stille in ihr. Dann spürte sie, wie sich etwas Warmes in ihrer Brust ausbreitete. Zart. Unsicher. Aber da. Wie das erste vorsichtige Licht nach einer viel zu langen düsteren Nacht. Ihre Schultern sanken ein wenig, nicht mehr ganz so hochgezogen wie zuvor, und ihr Schweif lockerte sich einen Fingerbreit um ihre Beine.
Sie hatte es nicht falsch gemacht. Vielleicht war sie wirklich nicht einfach nur… schwach. hre Augen wurden erneut feucht, doch diesmal war es kein reines Zittern mehr, kein reines Überwältigtsein. Es war etwas anderes. Etwas, das sich nicht ganz greifen ließ, aber dennoch blieb. Als Distelstern weitersprach, folgte Taubenfeder ihren Worten mit wachsender Aufmerksamkeit. Größere Patrouillen. Disziplin. Training. Keine Alleingänge. Keine unüberlegten Taten. Es waren klare, feste Entscheidungen. Keine leeren Versprechen und auch kein blindes Drauflosrennen.
Es war ein Weg.
Vielleicht kein einfacher. Vielleicht keiner, der die Angst einfach verschwinden ließ. Aber einer, der sie nicht weiter anwachsen ließ. Unwillkürlich glitt ihr Blick zu Steppenpfote, dann zu Myrtenpfote. Ihre Tochter. Für einen flüchtigen Moment blieb ihr Blick an ihr hängen, suchte etwas in ihrem Ausdruck, irgendetwas Greifbares. Doch wie so oft war da nur diese ruhige, glatte Oberfläche, hinter der sich Dinge verbargen, die Taubenfeder nie ganz verstand. Ein leiser Stich zog durch ihre Brust.
Dann zwang sie sich, den Blick wieder zu lösen und sich auf Distelstern zu konzentrieren. Als die Anführerin schließlich davon sprach, dass Angst sie nicht brechen würde, dass sie sie nicht führen durfte, zog Taubenfeder den Kopf ein wenig ein. Nicht aus Scham, sondern weil sich die Worte tief in ihr festsetzten und etwas berührten, das sie nur zu gut kannte.
Angst war nichts Fremdes für sie.
Sie war immer da gewesen. Seit dem Moment, in dem der Adler ihre Mutter aus dem Leben gerissen hatte. Seit ihrer Schülerzeit. Seit jeder Grenzpatrouille, die sie lieber gemieden hätte. Seit Myrtenjunges… anders gewesen war. Angst war kein Sturm, der kam und ging. Es war ein leises, ständiges Zittern, dass sie begleitete. Und doch… vielleicht musste sie sie nicht länger verstecken. Vielleicht musste sie nur lernen, nicht von ihr fortgetragen zu werden. Langsam atmete Taubenfeder aus. Erst jetzt merkte sie, wie flach ihr Atem die ganze Zeit gewesen war. Die Luft strich kühl durch ihre Lungen und ließ ihre Gedanken ein wenig klarer werden.
"Das Clantreffen ist beendet."
Die Worte legten sich wie ein endgültiger Schlusspunkt über das Lager. Um sie herum begann sich Bewegung zu regen. Katzen erhoben sich, murmelten leise, tauschten Blicke aus. Die Spannung löste sich nicht vollständig, aber sie veränderte sich. Wurde weniger scharf, weniger beißend. Mehr wie ein anhaltendes Drücken statt ein plötzlicher Schmerz.
Taubenfeder blieb noch einen Moment sitzen.
Sie beobachtete, wie Distelstern vom Hochfelsen sprang. Ihre Landung war kontrolliert, wie es schien. Ein seltsames Gefühl zog durch Taubenfeders Brust. Kein Mitleid. Eher… etwas wie Respekt. Langsam, vorsichtig, erhob sie sich schließlich auf ihre Pfoten. Ihre Beine fühlten sich für einen Moment ungewohnt leicht an, als hätte sie einen Teil der Last, die sie zuvor niederdrückte, tatsächlich zurückgelassen.
Ihr Blick glitt suchend durch das Lager. Zu Lerchenflügel. Zu Bussardjäger. Zu den vertrauten Gesichtern, die noch da waren. Die noch lebten. Ein leiser Atem entglitt ihr. "Vielleicht…" , murmelte sie kaum hörbar vor sich hin, während sie einen zögernden Schritt machte, "...vielleicht schaffen wir das wirklich." Es war kein fester Glaube ihrerseits. Noch nicht. Aber es war mehr als nur Angst.
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"Ein Anfang der gegangen werden kann"
Geduldig hörte Goldfuchs zu, als die Anführerin des BrisenClans erneut das Wort ergriff. Sie griff das Training auf und sprach es verpflichtend für alle aus. Um zu üben und zu lernen wie Krallen und Bossen ausgewichen werden, wie eine Katze zurückweicht und auch zuschlägt. Es war also nichts anderes als ein Kampftraining. Nur, dass die Gegner auch eine Niederlage akzeptieren sollten und nicht noch einmal nachschlagen auf Dachs komm raus.
Vielleicht sollte er an dem Training teilnehmen, so wie Eisenbiss. Zum einem um sich mit seinem ehemaligen Mentoren zu messen, zum anderen um so einigen Schülern die Schranken zu zeigen die wahrscheinlich manch ein Mentor nicht nachging. Langsam schloss Goldfuchs die Augen und dachte an seinen Sohn Wolkenpfote, bevor er die Augen wieder öffnete. Er erinnerte sich an ihr Gespräch und die Schnurrhaare zuckten, während der Kater nachdachte. Theoretisch gesehen wäre es am besten, wenn er lernte schneller zu rennen als so manch ein Angreifer. Doch Schnelligkeit war bei einer Jagd nicht das Ausschlaggebende und da er im besten Falle niemals in einem Konflikt sich wiederfinden sollte, wäre das Training zur Jagd gut – so wie er es sich wünscht.
Also wäre Ausdauer der korrekte Kompromiss. Um lange laufen zu können. Gut für Hasenjagden.
Leicht zuckte der Schwanz von Goldfuchs, bevor er über Lerchenflügel glitt.
Wie seine Liebe schien Distelstern sich Sorgen um gewisse Katzen zu machen und forderte auf bei ungewöhnlichen Spuren, fremden Gerüchen oder auffälligen Verhalten an der Grenze es Schattenfrost oder ihr zu melden.
Bei Toten würde er definitiv zu Lerche rennen. Goldfuchs Blick wandte sich seiner Gefährtin zu, sanft und liebevoll. In ihren Augen sah der Kater die Sorge und ein leichtes Lächeln huschte auf die Lefzen. “Ich werde tun was sie sagt.“ , versprach er leise. Allein dir zuliebe, mein Herz. , fügte er in Gedanken hinzu. Mit seinem Kinn, strich er sachte über ihren Kopf und schnurrte. Bis Distelstern erneut sprach.
Die jadefarbenen Augen sprangen zu der Kätzin, sein Kopf reckte sich als ihres es tat. Er wollte so gerne direkt sagen, dass er seine Lerche nicht an den grenzen sehen wollte. Doch dies wäre Abstrus. Er müsste wirklich später mit einem der beiden sprechen und sie bitten sie zusammen einzuteilen oder seine Lerche weit weg der Grenze. Auch wenn dies wenig änderte, so wie es dank dem Adlerfelsen wirkte.
“Wir werden nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Dafür ist zu viel geschehen.“ Endlich sprach sie aus was er schon lange dachte. Ein erleichtertes Ausatmen entglitt dem Kater, Zufriedenheit wanderte in seinen Blick. Sie würden also nicht auf sich herum trampeln lassen.
So wie er es hatte zulassen müssen. Aber würden die Anfänge reichen? Nein. Dies wusste er auch. Und doch war es ein Anfang. Eben einfach ein Anfang .
Die Kätzin sprach weiter und richtete sich definitiv an die Hasenherzigen unter ihnen. Goldfuchs fühlte sich nicht angesprochen, verlagerte jedoch sein Gewicht um eine gewisse Standhaftigkeit und Selbstsicherheit zu zeigen. Für alle. Der Clan brauchte ihn. Seine Lerche brauchte ihn.
Ihn, den Krieger.
Schlussendlich beendete Distelstern die Versammlung und Goldfuchs wandte seine volle Aufmerksamkeit seiner Liebe zu. Irgendwie kitzelte es unter seinem Pelz, als würde es eine Vorahnung sein, dass die Kätzin ihm noch einiges mitzuteilen hatte.
Vom Schatten berührt
Alias — nessjas
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