you're cool, but i'm hot

"Ein schöner Morgen für einen Spaziergang", schnurrte die schneeweiße Schönheit mit sonniger Miene, als sie mit einem grazilen Sprung auf der Mauer ihres Gartens landete und noch einmal einen prüfenden Blick über ihr schmales Schulterpaar warf. Xenia ist immer so ein Angsthase, erinnerte sie sich selbst schweigend. Und außerdem hat sie so fest geschlafen, da will ich wirklich nicht so sein und sie einfach aufwecken.

Claire mochte es Zeit mit ihrer Freundin zu verbringen, ohne Frage, aber manchmal.. Nun.. Da musste sie eigene Abenteuer erleben und ihren Weg gehen. Das hieß, dass Xenia zurückblieb und warten musste, bis ihre Freundin wieder Zeit mit ihr verbringen wollte.

Weiter wollte die Kätzin nicht nachdenken und die ersten, warmen Sonnenstrahlen nutzen, um den Wald zu erkunden. Von Zielstrebigkeit getrieben entschloss sie sich, die Waldschneise anzusteuern und den Weg in das dunklerwerdende Geäst zu bahnen.

Da war etwas am hübschen Hauskätzchen, was vor nichts zurückschreckte. Sie war eben hin und wieder ein wenig leichtsinnig und auch risikobereit, hatte keine großen Sorgen im Leben und suchte sich aufregende Situationen, um sich Hals über Kopf in jene zu stürzen. Nicht einmal die fremden Gerüche, die bald zuhauf auf die Kätzin einwirkten, konnten ihre Meinung ändern. Immerhin konnte sich Claire bisher aus allem rausreden, wenn sie nur genug mit den Wimpern klimperte und unschuldig dreinsah, oder zur Not eben ein wenig fauchte und spuckte.

Der Boden wurde allmählich moosig, weich und schmeichelte ihren weichen Ballen bei jedem federnden Schritt so sehr, dass es nur einen kleinen Energieschub benötigte, um die Hübsche losrasen zu lassen. Sie schlug Haken wie ein Hase, hüpfte über die Lichtung und stellte einem großen Kohlfalter nach, der mit den Lichstrahlen tanzte, die durch die Nadeldecke spielten. Die feuchte Luft, gepaart mit den vermischenden Duftnoten vom Harz, dem moosigen Untergrund und den Tannen beförderten die Kätzin in den siebten Himmel. Unverwechselbare Eindrücke, die sie ein jedes Mal genoss und einfach nicht vom Zweibeinerort erhielt. Haaach, das nächste Mal zwinge ich Xenia einfach mich zu begleiten. Zur Not stehle ich ihr das Halsband und verstecke es im Wald, dann kommt sie ganz sicher mit!

So trugen sie ihre Pfoten tiefer hinein zwischen Wurzeln und Farn, über weichen Moosboden und knisterndes Unterholz. Der Wald empfing Claire mit einem gedämpften Flüstern, als würde er ihr Geheimnisse zutragen, die nur für jene bestimmt waren, die sich trauten weiterzugehen. Sonnenflecken tanzten über ihr schneeweißes Fell, während sie geschmeidig trabte, sprang und auch manchmal innehielt, um jede neue Spur neugierig zu mustern. Der Duft von feuchter Erde und frischem Grün ließ ihre Schnurrhaare erzittern, und ein leises, zufriedenes Brummen entwich ihrer Kehle.

Bald schon mischte sich ein neues Geräusch unter das Rascheln der Blätter. Ein gleichmäßiges Rauschen, kühl und verheißungsvoll - der Wasserfall. Claire verlangsamte ihre Schritte, pirschte näher heran und spähte zwischen den Büschen hindurch. Das Wasser stürzte glitzernd in die Tiefe, fing das Licht ein und zerbrach es in tausend funkelnde Splitter. Für einen Moment blieb sie einfach stehen und sah zu, fasziniert von der Kraft und Schönheit, die dort vor ihr lag.

Mit einem eleganten Satz sprang sie schließlich auf einen flachen, sonnengewärmten Stein nahe dem Becken. Zufrieden rollte sie die Schultern, legte sich lang aus und schloss halb die Augen. Die Wärme kroch wohltuend durch ihr Fell, während feine Sprühperlen ihre Nase kitzelten. Hier, dachte Claire träge, war die Welt genau richtig. Wild genug, um aufregend zu sein, und friedlich genug, um sich ganz dem Augenblick hinzugeben.


@Xenia
Alias — Moxxie
Moxxie ist Offline
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