Die Sonne stand hoch über dem Seerosenteich, blass und kühl im hellen Himmel. Ein sanfter Wind strich über das Wasser und ließ die Oberfläche in feinen Wellen schimmern, während leichte Wolken träge vorüberzogen. Es war kalt, kaum fünf Grad, doch klar. Kein dichter Nebel verbarg das Ufer, nur ein Hauch von Feuchtigkeit lag noch über dem Wasser wie der Nachklang einer vergangenen Nacht. Schneestern stand am Rand des Teiches, der Geruch von Fisch, Schlamm und kühlem Wasser in der Nase, während die Worte des sandfarbenen Katers in ihr nachhallten. Sie hatte ihn gesehen. Sie hatte ihn gehört. Und doch war nichts an ihm greifbar gewesen. Kein Geruch, der im Wind hing. Kein Abdruck im weichen Boden. Nur dieses Lächeln und diese Stimme, die sich trotz der klaren Luft wie Frost in ihr Fell gesetzt hatte. Als Elsterherz zu ihr trat, aufgewühlt, die Maus noch im Maul, wandte Schneestern langsam den Kopf. In ihren eisblauen Augen lag keine Furcht, sondern eine stille Wachsamkeit, die tiefer ging als bloße Vorsicht. „Ja, ich habe ihn gesehen“ , sagte sie ruhig, ohne den Nebel aus den Augen zu lassen. Ihre Stimme war leise, doch fest genug, um Halt zu geben. „Und nein, ich glaube nicht, dass der SternenClan schweigt.“ Ich möchte es nicht glauben, auch wenn alles dafür spricht... Sie machte eine kurze Pause, als prüfe sie jedes Wort, bevor es ihr Maul verließ. „Manche Stimmen tragen Zweifel wie andere Dornen tragen. Das bedeutet nicht, dass sie wahr sprechen.“
Ihr Blick wanderte über das Wasser, suchte keine Gestalt mehr, sondern Zeichen. Die Oberfläche war wieder glatt, nur gelegentlich durchbrochen vom Kreisen eines Insekts oder dem leisen Blubbern untergetauchter Pflanzen. Falkenschreis erfolgreicher Fang entging ihr nicht; sie registrierte den schweren Barsch, die kontrollierte Bewegung, den Dank an die Ahnen. Auch Kristallregens missglückter Versuch mit dem Aal hatte sie bemerkt. Ein Hauch von Weichheit trat in ihre Haltung, als ihr Blick kurz bei ihrer Tochter verweilte. Glaube konnte tragen, aber er durfte nicht blind machen. „Bleibt aufmerksam“ , fügte sie hinzu, diesmal etwas leiser.
Dann löste sie sich vom Ort des Geschehens. Wenn dieser Kater eine Prüfung gewesen war, dann würde sie ihm nicht die Genugtuung schenken, ihre Jagd abbrechen zu lassen. Der Clan brauchte dringend Beute, nicht Spekulationen. Schneestern schritt einige Fuchslängen am Ufer entlang, bis das Schilf dichter wurde und der Boden weicher unter ihren Pfoten nachgab. Sie atmete tief ein, ließ den Geruch von Schlamm, Algen und kaltem Wasser durch sich hindurchziehen, bis sich darunter etwas anderes abzeichnete. Ein Hauch von Leben, das sich vorsichtig bewegte. Ihre Muskeln spannten sich, doch ihre Bewegungen blieben fließend, kontrolliert. Lautlos ließ sie sich in ein Jagdkauern sinken, den Schweif ruhig hinter sich gelegt, die eisblauen Augen auf eine Stelle gerichtet, an der das Wasser kaum merklich kräuselte. Noch wusste sie nicht, was sich dort verbarg. Aber sie wartete. Geduldig. Bereit, ihren Clan mit Nahrung zu versorgen.
Sie verharrte am Ufer. Ihre eisblauen Augen waren auf die kaum sichtbare Bewegung unter der Wasseroberfläche gerichtet, dort, wo sich ein schmaler Schatten zwischen den Stängeln der Wasserpflanzen hindurchwand. Es war kein großer Fang wie zuvor, kein schwerer Barsch, der Kraft und Kampf verlangte. Dieser hier war kleiner, flinker, unscheinbarer, ein junger Fisch, der sich zu nah an das Ufer gewagt hatte. Schneestern wartete, bis der richtige Moment kam. Geduld war kein bloßes Werkzeug für sie, sondern ein Teil ihres Wesens. Ihr Atem blieb ruhig, gleichmäßig, während sich der Schatten ein weiteres Stück näher bewegte. Dann schnellte ihre Pfote vor, so rasch, dass das Wasser erst reagierte, als ihre Krallen es bereits durchbrochen hatten. Ein leises Platschen, ein kurzes Zappeln, silbrige Schuppen blitzten im trüben Licht auf. Der kleine Fisch versuchte sich zu winden, doch Schneesterns Griff war sicher. Mit einer fließenden Bewegung zog sie ihn an Land und beendete sein Sträuben mit einem gezielten Biss. Für einen Moment blieb sie still stehen, das Beutetier zwischen ihren Pfoten, während das Wasser sich wieder glättete, als wäre nichts geschehen. Kein Triumph lag in ihrer Haltung, nur die nüchterne Anerkennung dessen, was notwendig war.
„Auch kleine Fische nähren den Clan“ , murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Der Fang mochte bescheiden sein, doch jeder Fisch bedeutete Kraft für einen Schüler, einen Ältesten, eine Königin. Sie richtete sich auf, sammelte den Frosch, den großen Fisch und den kleineren sorgfältig auf und prüfte noch einmal mit einem ruhigen Blick die Umgebung. Ihre Haltung war aufrecht, aber nicht angespannt. Die Jagd hatte ihnen mehr eingebracht, als sie zu hoffen gewagt hatte, und trotz der seltsamen Begegnung war der Teich ihnen wohlgesinnt gewesen. Ihr Blick glitt über das Schilf, suchte nach den vertrauten Silhouetten ihrer Krieger. Sollten sie noch jagen, würde sie warten. Schneestern setzte sich nahe am Ufer, die Beute ordentlich vor sich abgelegt, und ließ den Nebel an sich vorbeiziehen wie einen Gedanken, der keine Wurzeln schlagen durfte. Erst wenn alle bereit waren, würde sie den Rückweg antreten. Gemeinsam. So wie sie gekommen waren.
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Sternentänzerin
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Für Elsterherz war der Ausflug beendet. Sie hatte Beute machen können und das zählte, doch diese seltsame Begegnung ging ihr wirklich unters Fell. Schneesterns Worte dazu waren weise - wie so oft, doch sie konnten die Sorgen Elsterherz nicht ganz nehmen und ihr blieb dieses unschöne Gefühl im Pelz. Sie beobachtete Schneestern, wie diese noch einen kleinen Fisch fangen konnte, war dann aber froh, dass die Gruppe den Rückweg antrat. Geduldig nickte die junge Kriegerin, nahm ihre Beute auf und wartete, dass die kleine Jagdgruppe sich in Bewegung setzte. Dann folgte Elsterherz. Sie schwieg den Rückweg über und machte sich Gedanken über diese äußerst rätselhafte Begegnung. Es machte der Streunerin Sorgen, dass grade ihr eine solche Katze begegnet war. Auch wenn sie sie nicht alleine gesehen hatte, so fragte sich die Kätzin, ob die Ahnen damit was sagen wollten. Wollten sie Zweifel säen, wollten sie Elsterherz nur mehr in ihren Glauben erschüttern? Oder steckte doch mehr dahinter? Was ist, wenn das Ganze eine Warnung an Schneestern war?
Schneestern wirkte nicht so, als habe sie es als Warnung über mich wahrgenommen. Sind das nur meine Zweifel, die mich da wieder ansprechen? Die Kätzin versuchte ihre quälenden Sorgen abzulegen, sogleich sie auch die Beute beim Frischbeutehaufen ablegen würde. Wenn Schneestern nicht an Elsterherz zweifelte, dann sollte sie selbst es auch nicht tun.
Vom Nebel gezeichnet
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Noch bevor sich Falkenschrei weiter hatte umsehen können, drang das leise Quaken an seine dunklen Ohren. Sein kristallblauer Blick musste nicht lange suchen bis er den kleinen Körper fand, der sich einige Schwanzlängen entfernt von ihm befand. Er blinzelte einmal. So dreist. Täuschte er sich oder... starrte der Frosch ihn sogar an? Na warte.
Ohne lange nachzudenken oder sich anzupirschen - immerhin hatte der Frosch ihn ja sowieso schon gesehen -, drückte er sich ab und sprang auf das Tier zu. Doch seine vermeintliche Beute war flinker als er erwartet hatte. So sprang der Frosch im letzten Herzschlag ab und verschwand mit einem Platschen im Seerosenteich. Falkenschrei hingegen landete auf dem Stein, auf dem der Frosch eben noch gesessen war. Problemlos balancierte er sich auf der unebenen Oberfläche aus bevor sein kristallblauer Blick im Wasser nach dem Beutetier suchte. Als er nichts entdecken konnte, peitschte sein Schweif hinter seiner muskulösen, kräftigen, gedrungenen Gestalt für einen Herzschlag. Fuchsdung. Aber das hätte er sich eigentlich denken können. Der Frosch hatte ihn ja gesehen, wieso sollte er sich fangen lassen?
Während er seinen rundlichen Kopf schüttelte, wandte sich der dunkle Krieger ab und tappte zu seiner bereits erlegten Beute. Mit der Ausbeute - eine Brandmaus und ein Barsch - brauchte er sich wirklich nicht verstecken. Ob die anderen ebenso erfolgreich waren? Es war zu hoffen. Falkenschrei entfernte die Erde mit einer Pfote und hob sowohl die Maus als auch den Fisch auf bevor er zum Treffpunkt trottete.
Dort angekommen, entdeckte er Schneesterns schneeweiße Gestalt recht schnell. Falkenschrei näherte sich seiner Anführerin und nickte ihr respektvoll mit seinem rundlichen Kopf zu. Offenbar war auch ihre Jagd erfolgreich gewesen. Ein Blick auf Elsterherz hingegen zeigte dem dunklen Kater, dass die gescheckte Kätzin... aufgewühlt zu sein schien. Falkenschrei blinzelte einmal. Was war passiert nachdem sie sich für die Jagd getrennt hatten? Er behielt seine Beute zwischen den Kiefern während er auf Kristallregens Ankunft wartete, um den Rückweg ins Lager einschlagen zu können.
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