Der Sonnenaufgang brachte kaum Licht. Die Sonne hing tief hinter dichten Wolken, die den Himmel wie eine schwere Decke verhüllten. Feuchte Luft klebte an Holunderzweigs Fell, legte sich kalt an ihre Flanken und ließ den Trampelpfad nach nassem Laub und Erde riechen. Die kühle Morgendämmerung schien jeden Laut zu verschlucken, als ihre Pfoten den ausgetretenen Boden berührten.
Sie war schlanker gewesen, noch vor einem Mond... federnd, unbeschwert, leicht. Jetzt aber fühlte sie bei jedem Schritt die Schwere in ihrem Körper, das gespannte Fell über ihren Flanken. Es war nicht mehr zu leugnen. Schon der leiseste Blick eines Clangefährten konnte ihre Rundungen deuten. Und hier, auf dem Pfad, wo drei Territorien zusammentrafen, kam ihr die Wahrheit noch drängender vor.
Ein Rascheln ließ ihre Ohren zucken. Instinkt lenkte ihre Gedanken von den Sorgen ab. Der Geruch einer Ratte hing in der feuchten Morgenluft, scharf und verlockend. Holunderzweig duckte sich ins Unterholz, ihre Muskeln spannten sich an, der Boden kühl unter den Ballen. Zwischen zwei Baumwurzeln huschte das graue Fell aufblitzend hervor. Mit einem Satz war sie über der Beute. Die Ratte kreischte, wand sich, kratzte mit scharfen Zähnen nach ihr. Ein kurzer, wilder Kampf, Erde spritzte auf, feuchtes Moos klebte an ihren Krallen. Doch Holunder ließ nicht los, ein letzter Ruck, dann hing die Beute schlaff zwischen ihren Zähnen. Sie richtete sich auf, atmete schwer, schmeckte das warme Blut auf der Zunge. Für einen Herzschlag fühlte sie Stolz, so lebendig und stark. So, als wäre nichts anders. Doch kaum senkte sie den Kopf, um den Körper der Ratte abzulegen, kam das flackernde Bild zurück: Bussardjägers Blick in jener Nacht, sein Gewicht an ihrer Seite. Und, wie ein Schatten am Flussufer, Rußwolkes Gestalt. Zwei Kater, zwei Geheimnisse, die sie nicht länger verbergen konnte.
Ihr Herz schlug schneller, während sie über den leeren Trampelpfad hinwegstarrte, als würde er eine Antwort bereithalten. Stattdessen wisperten die Wolken, schwer von Feuchtigkeit, lautlos über ihr hinweg. Holunderzweig ließ sich nicht einschränken aufgrund ihrer... Veränderung. Sie jagte weiterhin, rannte, kletterte, erkundigte die Gegend. Sie wollte nicht wahrhaben, was sich ihr anbahnte und das sie sich irgendwie zurücknehmen sollte. Wieso auch? Warum sollte sie keinen Spaß mehr haben? Sie liebte das Jagen. Die Freiheit beim klettern. Jeder Ausflug aus dem Lager füllte ihr Herz mit Wärme. Außerdem... mochte sie es Kontakte zu pflegen. Bussardjäger hatte sie seit ihrem kleinen Rendezvous im letzten Mond nicht mehr gesehen. Mit zunehmenden zeitlichen Abstand besuchte sie öfter die Grenze zum BrisenClan und hoffte ihn wieder zu sehen, auch wenn etwas in ihr sich dagegen sträubte...
Beutefängerin
Alias — Leni
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Bussardjäger war an jenem Morgen am Trampelpfad unterwegs. Die dichten Wolken hingen am Himmel und die Luft fühlte sich schwer an, war vollgesogen mit Wasser und deutete an, dass es zum späteren Verlauf des Tages noch regnen könnte. Kurz hob Bussardjäger den Kopf nach oben, warf einen Blick in den Himmel. Doch keine der Wolken war bisher dunkel und vielleicht würde es bei einem leichten Nieselregen bleiben.
Nun verließ der drahtige Kater das offene Gelände und vereinzelnd gab es Bäume und die Pflanzenwelt wurde dichter. Eigentlich nicht grade seine Umgebung, doch hier am Trampelpfad traf man nicht selten auf andere Katzen und da es ein neutraler Ort war, könnte er hier vielleicht auf eine neue Bekanntschaft treffen. Sofort musste der Krieger an Holunderzweig denken. Im letzten Mond hatten sie sich zwei Male gesehen. Grenzübertritte, verbotene Jagden bei Nacht. Und dann war da noch diese besondere Begegnung mit der Katze, an die er nicht selten denken musste.
Die junge Kriegerin hatte einen bleibenden Eindruck bei Bussardjäger hinterlassen, sie war etwas Besonderes und der Kater konnte nicht anders, als immerzu an sie zu denken. Es nagte manchmal an ihm, dass sie aus dem WurzelClan kam und doch war sicher auch ihre Herkunft noch ein Punkt, der sie für ihn so interessant machte. Würde er eine Katze aus dem eigenen Clan auch so spannend finden? Sicherlich war es das Verbotene, was ihn so reizte, immerhin reizte dies Bussardjäger in so vielen Bereichen seines Lebens. Als der Kater so in seine Gedanken versunken war, war ihm beinahe der Duft eines Vogels entgangen. Aber nur beinahe. Bussardjäger war - wie sein Name vermuten ließ - ein sehr fähiger Jäger. Und als er den Duft des Buchfinks wahrnahm, begab er sich sogleich in Lauerstellung und versank im Dickicht. Das gemusterte Fell verschwamm mit der Umgebung und Bussardjäger schlich durch den dicht bewachsenen Boden, näherte sich dem Buchfink Pfote für Pfote. So dichter Untergrund war nicht grade sein bevorzugtes Terrain und doch konnte einen Kater wie Bussardjäger so leicht nichts aus der Fassung bringen - außer vielleicht eine gewisse Kätzin aus dem WurzelClan.
Bald konnten die blassgrünen Augen den kleinen Vogel entdecken und langsam näherte er sich diesem und musste zwangsläufig seine Deckung etwas verlassen. Doch der Krieger beschloss sich vor allem auf sein Tempo zu verlassen und so preschte er kurz darauf los. Die Blätter raschelten und der Buchfink versuchte hektisch davonzufliegen. Doch mit einem Sprung in die Luft, schaffte Bussardjäger es, das kleine Tier mit seiner Kralle zu erwischen. Das kleine Tier hatte keine Chance gegen die kräftige, mit messerscharfen Krallen geschmückte, Pranke und wurde so zu Boden gerissen. Sofort biss der Krieger zu, tötete den Buchfink und sah sich dann mit schnellem Atem in der Umgebung um.
Unruhig zuckte sein Ohr, die Schwanzspitze wedelte sachte hin und her, zuckte leicht. Dann filterte er die Düfte und seine Pupillen wurden groß, als er jenen Duft erkannte. Holunderzweig?!
Meister der Jagd
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Holunderzweig hatte die Ratte gerade abgelegt, als ein anderer Geruch die feuchte Luft durchschnitt. Ihr Herz stolperte, ein Schlag, der viel zu laut in ihrer Brust hallte. Sie brauchte nicht lange, um ihn zu erkennen. Zu vertraut war das dunkle, kräftige Aroma, das nach BrisenClan, Stärke und etwas Unerklärlichem roch. Bussardjäger . Der vertraute Duft war wie ein Schlag in die Brust. Doch anstatt sich zurückzuhalten, trat Holunderzweig vor, hob den Kopf und packte die Ratte zwischen die Zähne. Nach ihrem Fang hatte sie sich wieder ins Unterholz zurückgezogen, wollte von dort aus die nächste Beute erwittern. Mit erhobenem Schweif durchbrach sie das Unterholz, als wäre es nur eine Bühne für ihren Auftritt.
Die Morgendämmerung schimmerte fahl unter den schweren Wolken, die feuchte Luft glänzte auf ihrem Fell. Jeder schlaue oder erfahrene Blick hätte die Rundung ihrer Flanken sofort erkannt. Doch Holunderzweig trug es, als wäre es Teil ihrer Anmut, mit der selbstbewussten Haltung einer Kätzin, die sich nichts nehmen ließ.
Da war er. Bussardjäger, der kräftige Kater, die Beute zwischen seinen Krallen, das Fell leicht zerzaust vom Sprung. Für einen Atemzug blieb sie stehen, sog den Anblick auf, spürte, wie ein unerwartetes Kribbeln durch ihren Körper fuhr. Ein Schauer, der nicht von der feuchten Luft kam. Mit federnden Schritten ging sie auf ihn zu, ließ die Ratte neben seinen Buchfink fallen und lächelte ein wenig herausfordernd. „Bussardjäger.“ Ihr Tonfall lag irgendwo zwischen Vertrautheit und Neckerei, weich und doch mit einem Hauch Stolz. „Sieht so aus, als wären wir beide erfolgreich gewesen.“
Ihr Blick hielt den seinen, bernsteinfarben, offen und unergründlich. Sie wollte diesen Moment genießen. Seine Nähe, die Erinnerung an jene Nacht, das Prickeln, das sich wieder in ihr breitmachte. Und doch … hinter dem selbstbewussten Funkeln in ihren Augen wirbelte ein Chaos, das sie selbst kaum zu benennen wusste.
Holunderzweig war nie die Kätzin für feste Bande gewesen. Sie suchte Wärme, Zuneigung, Bestätigung und ließ sie oft ebenso schnell wieder los, wie sie sie gefunden hatte. Doch bei ihm war es anders. Bussardjäger ließ sie nicht los. Er brannte sich in ihre Gedanken, kehrte immer wieder zurück, selbst wenn sie es nicht wollte. Vielleicht war es nur der Reiz des Verbotenen, vielleicht nur ein Spiel. Doch tief in ihrem Inneren nagte die Frage: War es mehr? Eine Verbindung, die nicht nur Körper, sondern auch Geist suchte? Etwas wie ... eine tiefergehende Freundschaft?
Sie zwang sich zu einem leichten Schmunzeln, ließ den Schweif über den Boden streifen, als wolle sie die Schwere ihrer Gedanken wegwischen. „Ich dachte schon ich sehe dich vor dem nächsten Mond nicht wieder.“
Und während ihre Worte spielerisch klangen, ahnte sie doch, dass das, was sie hier spürte, schwerer war als jedes Geheimnis, das sie je in ihrem Herzen getragen hatte.
Beutefängerin
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