Du bist eine wahre Geschichte
die du lebst und die du selbst erzählst
Grau in grau.
Dies schien das Motto des heutigen Tages zu sein.
Grau in grau, , dachte die Katze, dessen eisblauen Iriden über die Straße, den Fußweg und hinauf an den Fassaden der Häuser zum Himmel wanderten. Die Wolken hingen schwer am Himmelszelt, zankten sich um Position und Variation des Farbtons. Zeitgleich schienen sie eine Einheit zu bilden, eine undurchdringliche Mauer für die Sonne.
Der kühle Wind strich ihr zärtlich durch das Fell, drang aber nicht an ihre Haut heran.
Plötzlich ein Donnern und Hupen. Schneewehe legte die Ohren an, sackte in sich zusammen und zog den Kopf eng an ihren Körper. Sie zitterte und blickte mit den großen Augen um sich. Vorsichtig. Unfähig nervös mit dem Schwanz zu peitschen verharrte sie einen Moment so.
Es war Zeit zu gehen. Den Zweibeinerort zu verlassen – zumindest für den Moment.
Für etwas ruhigeres.
Und etwas anderes.
Ihren Geschwistern hatte sie nicht mitgeteilt wohin sie ging. Sie glaubte auch nicht, dass sie dies musste. Schneewehe vertraute auf ihr können. Und sie vertraute auf Silberstille und Traumfresser, dass sie im richtigen Moment bei ihr waren.
So war es zumindest immer gewesen. Als würde ein magisches Band sie immer zusammen ziehen.
Ein Schmunzeln wanderte auf ihr Angesicht. Ihre Gedanken fingen an sich zu drehen. Sie wog ihr eigenes Gefühl, ihr eigenes Gedankengut auf der Waage in ihrem Kopf. Drehte und wendete, stellte Fragen und suchte Antworten. Nur um erneut Fragen zu finden.
Es war Lachhaft.
Anscheinend fehlten ihr die neuen Herausforderungen zum Beschwatzen. Vielleicht sollte sie ihr Gedankengut mit Silberstille teilen?
Auf unbekannten Wegen, teils auch dem der Streuner, schlich die Kätzin voran. Weg vom Donnerweg, durch abgesperrte Territorien mit unterschiedlicher Vegetation oder Aussehem. Immer wieder fand Schneewehe es interessant, manchmal gar amüsant, wie die Zweibeiner es schafften ihre Bereiche zu markieren und sie sogar ge- oder verunstalteten.
Am Ende der Siedlung kletterte sie durch eine schräge Zaunlatte, die so ein Loch in einer der Begrenzungen frei gab.
Es roch nach Holz. Harz und Nadeln. Etwas schmierigem und irgendwie als hätte eine Glut an Holz geleckt.
Vorsichtig blickte die Kätzin aus dem Dickicht. Ein schneidendes Geräusch schreckte sie auf, als sie gerade beobachtete wie Zweibeiner mit großen und schweren Dingen über einen breiten Weg liefen. Ein lautes Miauen entglitt der in die Luft springende Katze und sie rannte sofort an dem Holzzaun entlang weg vom Sägewerk.
Wieder kreischte es, laut und unangenehm.
Erschrocken sprang sie zur Seite, ihr Fell sträubte sich und die Pfoten sprinteten noch schneller über den Boden. Mit dem nächsten Kreischen trieb es sie den Zaun hinauf, sobald sie oben ankam drückte sie sich mit ihren Pfoten ab und sprang auf die andere Seite.
Während sie immer weiter lief rang sie nach Luft.
Was für ein Monster! Wieso schreit es nur so fürchterlich? übertönte der Gedanke all ihre anderen.
Ihre Lungen brannten, ihr Herz schlug wie wild und dennoch hörte sie dieses Kreischen. Es übertönte alle anderen Geräusche.
Es jagte ihr Angst ein, gar unkontrollierte Panik.
Verfolgte es sie?
Verunsichert wandte Schneewehe den Kopf doch sie sah nichts. Auch schien das Geräusch in der Ferne zu verhallen.
Schwer atmend drehte sie sich wieder nach vorne, drosselte ihr Tempo kaum merklich und bemerkte so den Graben. Das Rauschen eines Flusses drang an ihre Ohren.
Sogleich bremste die Kätzin und kam vor dem Abgrund zum stehen.
Angespannt. Zitternd. Schwer Atmend und mit weit geöffneten Augen stand sie da.
Ihr Blick auf das Wasser gerichtet.
Alias — nessjas
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Verloren, verbannt, vergessen
Der Fluss fehlte.
Nicht sein Wasser, nicht sein Rauschen. Das war da, wie immer. Aber etwas anderes hatte sich aus dem Ufer gelöst, etwas, das Krähenruf nicht benennen konnte und das sie dennoch suchte. Ihre trüb gelben Augen folgten der Strömung, als würde sie erwarten, dort eine schmale Silhouette zu sehen. Eine ruhige Präsenz. Eine Stimme, die ordnete. Flussgeist hätte hier gesessen. Flussgeist hätte gewusst, was zu tun war.
Der Gedanke kam ungefragt und blieb hängen wie eine Kralle im Moos. Krähenruf schnaubte leise. Die Stellvertreterin war fort. Verschwunden. Nicht tot. Nicht da. Ein Zustand, der Krähenruf missfiel. Dinge hatten ihren Platz zu kennen. Katzen ebenfalls. Der Wind trug einen anderen Laut heran. Hastig. Unsauber. Krähenrufs Ohren zuckten.
Sie hob den Kopf, langsam, schwer, sah etwas am Rand des Grabens stehen und runzelte die Stirn. Zu hell. Zu jung. „Wer läuft so…“ , begann sie, brach ab und blinzelte. Ihre Gedanken stolperten, griffen ins Leere. Schnee knirschte unter Pfoten, obwohl keiner lag. Ein anderes Sonnenhoch. Ein anderes Jahr.
Sie sah eine athletische und wendige Katze. Mit mittlerem Fell, das am Hals und Schwanz etwas länger ist. Lange spitzen Ohren und leichten Pinseln oben dran. Weiße Pfoten sowie Brust-, Hals- und Backenfell. Ihr Gesicht zieren silberne Abzeichen. Die Füße, Rücken und Schwanz sind ebenfalls silbern. Ihre Tigerung ... ein dunkler Grauton. Und diese eisblauen Augen... Langpfote? Der Name war da, ehe sie ihn stoppen konnte. Krähenruf richtete sich auf, ihr hagerer Körper spannte sich, als hätte jemand einen Faden durch ihre Wirbelsäule gezogen. Ihre Augen verengten sich. Nein. Das war unmöglich. Die Verbannten kehrten nicht zurück. Sie durften nicht zurückkehren.
Und doch…
Diese Augen.
Ein scharfes Einziehen der Luft verriet sie. Ein Moment reiner, ungeschützter Überraschung, der sich wie ein Riss durch ihre Haltung zog. „Bei den Ahnen…“ , murmelte sie, mehr zu sich selbst als zur Welt. Sie machte einen Schritt nach vorn. Dann noch einen. Unsicher. Nicht altersbedingt, sondern weil der Boden der Zeit unter ihr nachgab. „Du…“ Ihre Stimme stockte, wurde rauer. „Du solltest nicht hier sein.“
Die Erinnerung schlug zu spät zu.
Verbannung. Drei Namen, die man nicht mehr rief. Wie hießen die anderen zwei noch gleich? Egal. Es ist nicht mehr relevant. Krähenrufs Schweif peitschte einmal hart durch die Luft. Der alte Zorn fand seinen Weg schneller als jede Klarheit. „Ich habe euch gehen sehen“ , knurrte sie, nun lauter, fester, als müsse sie sich selbst überzeugen. „Ich habe gesehen, wie der Clan euch ausgespuckt hat.“
Ihre Augen bohrten sich in Schneewehes Gestalt, suchten nach Fehlern, nach Beweisen dafür, dass das hier nur ein Trugbild war. „Langpfote“ , sagte sie scharf und dann, verwirrt, zornig über sich selbst: „Nein. Nein, das war dein Name damals.“
Ein Atemzug. Schwer. Zittrig.
„Sie hätten dich nehmen sollen“ , zischte sie leise. Schmerzlich dachte sie an Flussgeist. In diesem Satz lag kein Hass, sondern Überzeugung. Starr. Unbeweglich. Gefährlich klar. Krähenruf hatte nicht immer diese Haltung gegenüber ihrer ehemaligen Schülerin gehabt, doch mit der Zeit... nun, ihr Verhältnis wurde immer schlechter.
Dann sah sie den Abgrund. Das Wasser. Die Art, wie Schneewehe stand.
Etwas in Krähenrufs Blick flackerte. Ein Rest von Mentorin, von Verantwortung, von etwas, das sie nie ganz losgelassen hatte, was so widersprüchlich zu dem Rest ihres Verhaltens war. „Du stehst schon wieder falsch“ , knurrte sie, schärfer, als nötig. „Immer am Rand. Immer dort, wo du glaubst, Antworten zu finden.“ Ihre Stimme senkte sich. „Der SternenClan hat euch verurteilt. Nicht ich.“
Eine Pause. Unsicher.
„…nicht ich allein.“
Die Worte strudelten aus der alten Katze heraus. Der Wind fuhr durch ihr schwarzes, ausgedünntes Fell. Krähenruf blinzelte, als hätte sie kurz vergessen, warum ihr Herz so schlug. Dann richtete sie sich auf. Hart. Wieder ganz da.
Alias — Leni
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Und es liegt in deinen Pfoten
welchen Weg du gehst und wählst
Ruhe
Der Blick wich den tobenden Massen nicht. Bewahre die Ruhe, Schneewehe. Eine innere Mahnung an sich selbst. Sie musste sich fangen. Sie durfte nicht wie ein panisches Kätzchen umher rennen.
Kopflos. Jung. Unbedarft.
Langsam schloss sie die Augen, atmete tief ein. Die silberne Katze lenkte ihren Fokus auf den Moment. Spürte wie ihre Brust anschwillt und der Atem zirkulierte. Beim Ausatmen merkte sie wie ihr Herzschlag sich verlangsamte.
Gut so. , lobte sie sich selbst. Ihre Augen öffneten sich, wanderten über das andere Ufer und blieben an einer schwarzen alten Katze hängen, die etwas vor sich hinmurmelte. Schneewehe musste nicht nachdenken. Das Bild dieser Katze war in sie eingebrannt. So sehr, dass der eiserne Geruch von Blut wieder in ihre Nase stieg. Das Geräusch von Krallen, die durch den Boden gruben. Haut die Riss. Fauchen und Keifen. Die scharfe spottende und anklagende Stimme.
Krähenruf.
Krächzend. Laut.
Die Alte machte zitternde Schritte auf sie zu. War sie bereits körperlich so am Ende? Nein. Oder? Ganz genau beobachtete Schneewehe die Schwarze. Jeden Schritt den sie tätigte, jede Bewegung ihrer Ohren, ihres Schwanzes, Jeder Muskel wurde von ihr Wahrgenommen so gut es ging. Die Regung der Augen und die Veränderungen in ihnen. Nichts davon sollte der jungen Stimme entgehen. Sie wollte alles entdecken, erkennen und zuordnen.
“Du... Du solltest nicht hier sein.“
Eine raue Stimme, eine peitschende Schwanzbewegung. Zorn. Zorn stieg in der alten Krähe auf.
Und Schneewehe?
Sie schwieg.
Stand so reglos da, wie in jenem Moment als sie die Katze entdeckt hatte. Ruhig. Unbeeindruckt.
“Ich habe euch gehen sehen. Ich habe gesehen, wie der Clan euch ausgespuckt hat.“
Ausgespuckt?
Fast hätte sie mit einem Ohr gezuckt. Noch konnte sie an sich halten, mimte weiter die Statue. Die falsche Wahrnehmung.
Ausgespuckt.
So nannten sie es also. Vom Clan ins Maul genommen, zerkaut, klein gebissen. Versucht auf zu weichen. Doch sie bissen sich die Zähne an ihnen aus und spuckten die drei Schüler deswegen aus. Geschunden, zerbissen, bespuckt, angeklagt und verurteilt wurden kleine hilflose Katzen sich selbst überlassen.
Ganz leicht sträubte sich Schneewehes Nackenhaar bei dieser Allegorie. Es konnte auch genauso gut der Wind sein, der ihr beruhigend durch das Fell glitt und es zur Regung animierte. Doch noch immer stand Schneewehe schweigend und still da.
“Langpfote“
Sie sprach den Namen so scharf aus, dass die silberne Katze nun lächelte. Ein Lächeln, als wäre das falsche Trugbild erfreut erkannt worden zu sein. Oder über den Fehler der schwarzen Kriegerin.
“Nein. Nein, das war dein Name damals.“
Damals? Gab es etwa ein Heute für die alte Krähe? Hatte sie wirklich daran geglaubt , dass die Geschwister es bis zu einem Heute schaffen würden? Oder hatte sie gewusst, dass sie ihre Namen ablegen würden? Von der anderen Seite kam ein leises Zischen. Unverständlich. Doch sie sprach Worte.
Aber nur welche?
Schneewehe verharrte.
Sie wartete.
Da war es. Ein Flackern in ihren Augen. Etwas das den Schrei der Krähe sanfter machte. Nachsichtiger.
“Du stehst schon wieder falsch. Immer am Rand. Immer dort, wo du glaubst Antworten zu finden.“
Ein scharfes Knurren.
Nachsicht – von wegen.
Ein Aufheulen, wildes Pfoten schlagen. Krallen die durch die Luft flogen. Gelb und Blau. Unnachgiebige Blicke.
Schneewehe blinzelte die Erinnerungen weg.
“Der SternenClan hat euch verurteilt. Nicht ich.
… nicht ich allein.“
Da war es wieder.
Unsicherheit.
Zweifel.
Verwirrung.
Es währte nicht lang, dich für Schneewehe lang genug. Leicht legte das falsche Trugbild den Kopf zur Seite, ein freundliches – ja fast schon nachsichtiges – Lächeln trat auf das Angesicht. Als würde sie mit dem Blinzeln der Augen sagen wollen: Es ist schon gut. Ich bin sicher. Ich vergebe Dir.
Kurz frischte der Wind auf, ließ die Spitzen ihres mittellangen Fells tanzen und trug die Gerüche der Umgebung zu ihnen. Nasse Erde, zertretenes Gras und gefallene Blätter. Hergetragen aus der Ferne.
Erneut schloss sie die Augen. Ließ die Pause wirken. Dann geschah es. Der feine Mund öffnete sich und ihre Stimme erklang. Vorsichtig, leise.
“Aber warum?
Aber warum hast Du zugesehen?
Aber wieso bist Du nicht eingeschritten?
Aber wieso hast Du ihn uns ausspucken lassen?“
Die Worte standhaft, wurden vom Wind leicht verzogen. Klang es nun traurig? Einsam? Enttäuscht? Sie ließ keine wirkliche Pause zu. Fuhr mit ihren Fragen fort bevor Krähenruf antworten konnte:
“Aber wieso hat er uns verurteilt? Wofür und weswegen? Aber wie hat er geurteilt? Wie es euch mitgeteilt? In diesem Bruchteil eines Herzschlages? Aber warum klingen Deine Worte, als wäre es nicht der Wille des SternenClans, wieso klingt es so, als sei es die Entscheidung des Clans?“
Es klang verwirrt. Irritiert. Die Fragen riefen Verzweiflung heraus, Verständnislosigkeit.
“Aber Krähenruf“
Ein flehender Blick. Eine sanft Tonlage.
“warum behauptest Du, dass Du es nicht warst?“
Eine simple Frage mit so viel tiefe. Es schwangen Möglichkeiten mit ihr: Hast du deine erste Aussage nicht negiert? Aber bist Du nicht auch ein Teil des NebelClans? Aber urteilen nicht auch die die Schweigen, all die Katzen die nichts dagegen unternehmen? Und folgst Du nicht genauso dem SternenClan? Aber ohne ihren Willen zu hinterfragen.
Unausgesprochene Fragen die trotz allem Bedeutungsschwer in der Luft lagen. Sie gehörten zusammen und standen doch alle alleine für sich.
Schneewehe machte einen Schritt vor. Ihre Pfote positionierte sie dabei am Abgrund selbst und wollte etwas sagen. Da verlor die junge Katze ihr Gleichgewicht, sie wankte, sie rutschte und fiel den Abhang hinunter in den rauschenden Fluss.
Ihr Körper überschlug sich auf dem Weg nach unten. Die Farben drehten und vermischten sich. Es roch nach trockener, brüchiger Erde. Nach feuchter, aufgeweichter Erde- Und nach salzigem Süßwasser. Algen und Fisch.
Ein Platschen.
Wasser schlug über die Kätzin zusammen. Begrub sie unter sich.
Ein trübes Gemisch, nicht wirklich zu erkennen ob sie oben, unten. Links oder rechts war. Ihr Kopf drehte sich herum. Verunsichert. Erinnerungen wollten den Kopf fluten. Wurden von ihrer inneren Kraft verdrängt wie Wasser von einem Stein.
Eine Pfote durchbrach die Wasseroberfläche. Spürte die Luft. Schneewehe versuchte sich zu drehen, kämpfte sich hoch.
“Krähenruf“
Ein verzweifeltes, panischen Miauen.
“Hilf mir! Das Wasser... Hilfe!“
Alias — nessjas
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Ein anderes Licht, ein anderer Fluss
ein älteres Sonnenhoch
Das Wort traf sie nicht.
Es riss .
Krähenruf.
Für einen Herzschlag lang war da kein Fluss. Kein Wind. Kein Blattfall. Nur dieser Name, der aus einem anderen Leben zu ihr hinübergerufen wurde. Ihre trüb gelben Augen weiteten sich, als hätte jemand das Bild vor ihr verrückt. Weiß kippte. Erde brach. Die Welt geriet in Schieflage, und Krähenruf brauchte einen Atemzug zu lange, um zu begreifen, dass das hier kein Traum war. Kein Rückfall in eine Nacht, die eine viel zu große Bedeutung hatte. „Steh…“ , begann sie, doch das Wort blieb ihr im Hals stecken.
Die Pfote rutschte.
Der Körper folgte.
Ein dumpfes Geräusch, als Erde nachgab, dann ein scharfes Einziehen der Luft. Doch nicht von der Fallenden, sondern von Krähenruf selbst. Ein Laut, den sie seit Monden nicht mehr von sich gegeben hatte. Unkontrolliert. Bloßgestellt. Ihre Schülerin fiel ins Wasser!
„Nein“ , stieß sie hervor, heiser, zu leise, um befehlend zu sein. „Nein, nein…“ Der Fluss öffnete sich. Das Weiß verschwand in der grauen Bewegung des Wassers, und mit ihm zerfiel etwas in Krähenrufs Kopf. Zeit löste sich. Bilder drängten sich übereinander, ohne Ordnung, ohne Erlaubnis.
Langpfote.
Klein. Dünn. Blut an den Krallen.
Der Geruch von Angst.
Krähenrufs Körper wollte vor. Ihre Pfoten machten einen Schritt, doch dann stoppte sie abrupt, als hätte der Boden selbst sie zurückgewiesen. Der Abgrund lag vor ihr wie ein klaffendes Maul. Der Fluss darunter tobte, kalt und gleichgültig. Allerdings war dies nicht der Auslöser für ihr Innehalten. Es waren die Stimmen. Die Stimmen im Hintergrund, die sagten Es ist notwendig. Der Clan muss rein bleiben. Ihre Stimme, die dies bestätigte. „Ich habe nicht…“ , murmelte sie fahrig, der Satz unvollständig, weil ihr Gedächtnis ihn nicht zu Ende brachte. „Ich habe das nicht entschieden…“
Ein Schrei schnitt durch das Rauschen.
Eine Pfote brach durch die Oberfläche, krallte sich ins Leere.
Wasser spritzte. Luft rang.
Hilf mir!
Der Ruf klang in den Ohren der Ältesten nicht wie der, einer erwachsenen Katze. Nicht wie jemand, der gelernt hatte, mit Angst umzugehen. Der Laut war zu hoch, zu roh, zu ungeschützt, in ihren Ohren. Ein Ruf, der nicht fragte, sondern brauchte . Krähenrufs Kopf ruckte hoch. Für einen Atemzug lang war der Fluss nicht mehr grau. Das Wasser verlor seine Schwere, wurde klarer, flacher. Die Wolken verzogen sich in ihrem Blick, machten Platz für ein anderes Licht. Ein älteres Sonnenhoch. „Langpfote?“ Der Name rutschte ihr über die Zunge, ungefiltert, erschrocken. Was macht Langpfote dort?
Unten im Wasser sah sie kein erwachsenes Weiß mehr. Sie sah dünne Glieder, ungelenk, zu groß für den eigenen Körper. Eine Schülerin, die nie wusste, wohin mit ihren Fragen, die zu nah an den Rand trat, weil sie glaubte, dort müsse vielleicht jemand antworten.„Bleib ruhig“ , sagte Krähenruf scharf, und plötzlich war ihre Stimme da. Fest. Tragend. Die Stimme einer Mentorin. „Hör auf zu strampeln. Du verschwendest Kraft.“
Ihre Pfoten setzten sich in Bewegung, ehe der Gedanke sie einholen konnte. Der Körper wusste, was zu tun war. Er erinnerte sich besser als ihr Geist. Krallen gruben sich in Erde, fanden Halt, ließen los, fanden neu. Das hatte sie schon ewige Mal gemacht. Der Fluss... er war ihre Heimat. „Ich hab dich gleich“ , rief sie, lauter jetzt. „Ich bin hier.“ Der Hang rutschte unter ihr, doch sie hielt sich nicht auf. Sie war jünger in diesem Moment. Schneller. Sicherer. Das Wasser traf sie hart, bissig, doch sie nahm es hin, als hätte sie es hundertmal getan. Unten rang die Schülerin nach Luft. „Sieh mich an“ , befahl Krähenruf, während sie näher kam, entschlossen, ohne Zögern. „Nicht den Fluss. Mich.“ Sie griff zu. Fell unter ihren Krallen. Nass, glitschig, vertraut. Ihr Maul schloss sich um Nackenhaut, sicher, genau dort, wo sie es unzählige Male geübt hatte. Sie zog, stemmte sich gegen die Strömung, gegen das Wasser, gegen die Erinnerung. „Immer musst du mir das Leben schwer machen“ , knurrte sie zwischen den Zähnen. „Aber sterben wirst du mir nicht, hörst du? Nicht heute.“ Mit einem letzten Kraftakt erreichten sie flacheres Wasser. Krähenruf ließ los, stieß die andere vor sich her, zurück Richtung Ufer.
Dann riss die Zeit.
Der Fluss wurde wieder schwer. Kalt. Laut.
Das Licht erlosch.
Krähenruf blinzelte, keuchte, und erst jetzt sah sie, was vor ihr stand.
Nicht Langpfote.
Wer... wer war diese Katze?
Ihre Ohren legten sich an. Ihr Blick verhärtete sich, als hätte jemand in ihr Nest geschissen. Ihre Pfoten zitterten. Ob vor Kälte oder vor dem Wissen, das langsam zu ihr zurücksickerte, hätte sie nicht sagen können.
Alias — Leni
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Gib nicht auf in dunklen Zeiten,
fühlt sich deine Nacht auch ewig an
Entfernt und doch vorhanden erklangen die Worte der Schwarzen. Leise, so leise dass wohl nur Katzen mit Eulenohren es hörten – oder sehr empfindliche. Schneewehe hörte es. Sie hörte dass etwas gesprochen wurde, doch es wurde von ihrem pochendem Herzen übertönt, den Eindrücken weggeschwemmt und anschließend, wie sie, im Fluss ertränkt.
Als sie nach der Alten rief, bekam sie eine Antwort: “Langpfote?“ Erschrocken klang die Alte und anders.
Als wäre sie nicht sie und hätte sich zugleich wiedergefunden – ihr altes Ich. Einen Moment vergaß Schneewehe das Strampeln, sie hielt inne.
Ihre Seelentore fixierten die schwarze Katze, versuchten aus den gelben Iriden zu filtern was so bitter nötig war.
Der Verhang, diese Vernebelung ihres Blickes lichtete sich. Krähenruf wirkte hell, wach. Klar und zugleich in die falsche Wirklichkeit verrückt.
Die Kätzin lächelte.
Das Wasser zerrte an ihr, verschluckte sie erneut und sie strampelte wieder. Die Mentorin ging sie scharf an, rief sie zur Ruhe, dass sie aufhören sollte zu strampeln denn so verschwendet sie Kraft. Und dann endlich setzte die Katze sich in Bewegung.
Schneewehe holte Luft, sie atmete durch. Ihre Bewegungen waren kein wildes Strampeln – es waren halbwegs gezielte Bewegungen. Nicht auf Grund der Worte von der schwarzen Katze, sondern weil Schneewehe viel und hart geübt hatte. Und dennoch war sie nach wie vor keine von ihnen.
Erinnerungen, wollten sie durchströmen, doch die Naturgewalt schob sie alle weg. Sie brauchte die Erinnerungen nicht, sie hinderten die Kätzin, vernebelten ihren Verstand. Der Fluss wurde vom Krähenruf unterbrochen:
“Ich hab dich gleich. Ich bin hier.“
Der Spott schwoll in ihrer Brust an, stieg die Kehle hinauf und wollte raus. Er wollte eine Stimme werden, ein Laut. In ihren Augen funkeln, aufflackern und brennen.
Ihren Kopf wandte Schneewehe ab. Entriss ihren Blick, ihr Angesicht vom schwarzen Pelz der anderen. Alles an ihr hielt still, bewegte sich nicht und ließ sich in den Fluss fallen.
Der Spott wurde ertränkt, Wasser wollte eindringen und die Luft nehmen, als der silber-weiße Kopf wieder hinaus brach. Geklärt.
“Sie mich an. Nicht den Fluss. Mich.“
, befahl die Alte. Flehende Augen sahen sie an – wollten aus dem Nass, wollten gerettet werden. Da spürte sie schon die Pfoten, die Krallen. Behutsam und bestimmt, zugleich Kraftvoll und sicher. Es folgte ein Biss in die Nackenhaut. Unsanft in ihrem Alter. Wieder stiegen Erinnerungen auf, die verdrängt werden wollten. Es war weder ein wirklich wohliges Gefühl noch eine positive Erinnerungen. Sie hingen mit Zwang und Unlust zusammen, Rügen und vielen Schelten.
Für Schneewehe eine absolute Strafe, dieser Biss – und dennoch ließ sie ihn über sich ergehen. Sie war erstarrt von den Eindrücken. Dem Geruch der Alten. Nicht krank, aber auch nicht wirklich gesund. Verbraucht und nicht mehr rein. Es biss in ihrer Nase, war für ihren Kopf nicht mehr im Einklang mit dem damals.
Es hat sich verändert. , dachte Schneewehe während Krähenruf wohl weit über ihre eigentlichen Kräfte ging um die Katze aus dem Fluss zu stemmen. Wie viel schwerer war die silberne wohl mittlerweile im Vergleich zu der Erinnerung die die Krähe gerade durchlebte?
Und ohne Unterlass kam ihr murren. Wäre ihr Fell nun nicht so nass und klebrig, hätte es sich vor Empörung und aufsteigender Reizbarkeit gesträubt.
Verdammt noch eins – Schneewehe keuchte schwer – sie wollte der Alten gerade ins Nest scheißen! Aber dieses war viel zu weit entfernt.
Würde die Alte pikiert aufschreien wenn sie ihr nun im Fluss an die Pfote pisste?
Durchatmen, Schneewehe. Durchatmen... Du schaffst das. , versuchte sie ihr Katzenmantra. Diesmal weniger nützlich, da sie plötzlich vor sich her gestoßen wurde. Losgelassen, fallend und dann wie ein unliebsamer Stein vor sich her geschubst.
Scharf sog sie die Luft ein. Ihre Augen verdrehten sich, solange wie die alte Krähe es nicht sah.
Mit wild pochendem Herz, zitternden Pfoten drehte sie sich zu ihr um. Ihr Kopf überschlug sich. Gerüche. Geräusche. Erinnerungen. Planungen und Ideen. Wie ein wilder Sturm tobte es hinter tanzenden Augen die abtasteten wo sie waren und was geschehen war. Welche Katze vor ihr stand und wie diese Katze stand. War sie erschöpft? War sie noch im Irrglauben? Was würde geschehen?
Da brach das Licht in den einst so grellen Augen auf schwarzem Grund. Ein Keuchen. Dann legten sich die Ohren an und der Blick wurde hart, als hätte Schneewehe ihr tatsächlich ans Bein gepisst. Oh wie sehr wünschte sie sich gerade sie hätte es wirklich getan. Ihre Mundwinkel zuckten zu einem schiefen lächeln. Doch bevor sie etwas sprach oder es zu einer weiteren Reaktion der blinden Gläubigen kam, sprang sie vor, stemmte sich mit beiden vorderen Pfoten auf den Kopf der Alten und drückte sie so runter in das flache Wasser. Die Stelle reichte, dass das Gesicht darin ertrank. Ihr Maul, ihre Nase und ihre Augen vom geliebten Nasse des Nebelclans vollauf eingenommen:
“Aber Krähenruf, wie unglaublich dankbar ich dir bin.“
Begann die junge zu flöten.
“Aber nicht nur ich allein, auch der SternenClan dankt dir. So eine gute tat. Mich vor deinem geliebten Fluss zu retten. Aber keine Sorge. Ich folge dem Wunsch und vereine dich mit ihm. Hast du nicht in ihm deine Schülerin verloren? Aber hast du sie schon gefunden? Aber hast du auch wirklich richtig nachgesehen?“
Wasser peitschte wild auf, als die schwarze Katze plötzlich anfing zu strampeln. Schneewehe drückte etwas fester.
“Aber, aber, du bist mir doch keinen Dank schuldig. Ich begleiche lediglich den Gefallen. Dies hattest du dir doch gewünscht, oder aber nicht?“
Wie zur Antwort traf sie eine wilde Kralle im Gesicht. Riss über die Haut ihrer Wange. Schneewehe schrie maunzend und fauchend auf, Sprang von der Krähe weg und machte einen Buckel. Diese alte, verwirrte, dreckige Krähe! , giftete sie im Kopf. In ihren Augen funkelte die Kampfeslust und der Zorn über die Wunde. Es brannte als hätte sie sich auf heiße Glut mit ihrem Arsch gesetzt! Verdammt, die Alte wusste doch wie empfindlich sie war!
Pikiert rümpfte Schneewehe die Nase, blickte auf die Krähe und schwieg.
So viele Worte gingen ihr durch den Kopf. So viel hätte sie rufen können, doch nichts davon war richtig oder passend. Nichts davon entsprach dem derzeitigen Werdegang.
Wie gern hätte sie die Alte so lange unter das Wasser gedrückt, bis sie die Bewusstlosigkeit erlangt hätte. Damit alles für sie nur wie ein Trugbild, eine Wahnvostellung ihres senilen Alters vorkam. Oder ein wilder Traum vom Sternenclan. Ihrem ach so geliebten Sternenclan.
Das hätte so gut gepasst. Ihr Fluss und ihr Sternenclan. Das ergab doch sicherlich Sinn für die Krähe.
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