you're gonna go far, kid
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RE: you're gonna go far, kid
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Krähenruf
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10.04.2026
An den Schnurrharren
Krähenruf hatte den Augenblick kommen sehen, noch ehe die anderen ihn begriffen. Nicht, weil ihre alten Knochen klüger waren als die jungen Pfoten am Ufer, sondern weil sie dieses Ziehen kannte. Dieses grausame Kippen eines Moments, in dem eine Prüfung aufhörte, eine Prüfung zu sein und begann, nach einem Leben zu greifen.
Ihr hagerer Leib war längst angespannt gewesen, jede Sehne unter dem schwarzen, von Narben durchzogenen Fell hart wie gespannter Wurzelstrang. Ihre trübgelben Augen hafteten am Wasser, an dem schwarzweißen Schatten, der darin verschwand, wieder auftauchte, verschluckt wurde, noch einmal auftauchte. Rings um sie wurden Stimmen laut. Besorgte, aufgeregte, törichte Stimmen. Beerennases Angst, Wolkenlieds zögernde Vernunft, Silberlichts eiserner Glaube, Himmelspfotes junges Unverständnis, Steinherz’ steinerne Ruhe. Es rauschte alles ineinander wie Schilf im Sturm.
Doch Krähenruf hörte nur den Fluss. Und dann schleuderte er Nachtpfote zurück. Allerdings nicht ans Ufer, sondern gegen einen Stein. Der dumpfe Aufprall fuhr ihr durch Mark und Bein. Für einen Herzschlag war sie nicht mehr hier am Fluss des NebelClans, sondern an einem anderen Ufer, in einem anderen Mond, mit anderen Gesichtern, die längst zu Sternen geworden waren. Das Wasser nahm. Das Wasser nahm immer. Es gab nichts Heiliges daran, eine Katze sinnlos ertrinken zu lassen. Und doch glaubten so viele es sei der Wille der Ahnen. Darunter auch Krähenruf. Nun, zumindest vor vielen Monden. Heutzutage waren die Gedanken sprunghaft.
Noch ehe die Gedanken ganz Gestalt annehmen konnten, schoss Dämmerlicht los. Ein wilder, heller Sprung, ohne Zögern, ohne Bitte, ohne Erlaubnis. Die junge Kriegerin zerschnitt die Fluten mit einer Entschlossenheit, die Krähenruf scharf die Luft aus den Lungen drückte. Einen Moment lang war da so etwas wie Stolz in ihrem alten, widerspenstigen Herzen. Kein sanfter Stolz. Eher der rauhe, harte Stolz einer Katze, die sieht, dass noch nicht alle Jungen des Clans verblödet waren von Regeln, wenn vor ihren Augen ein Leben unterging.
„Ja… so ist’s recht.“
Ihre Stimme war rau, kaum mehr als ein heiseres Schaben. Ihre Krallen gruben sich tiefer in den nassen Boden, während sie jeden Schlag von Dämmerlichts Körper mitverfolgte, jeden erbitterten Zug gegen die Strömung. Sie selbst zuckte mit bei den Bewegungen der Jüngeren. Erst als die Schildpattkätzin mit Nachtpfotes schlaffem Leib wieder die Oberfläche durchbrach, entwich Krähenruf ein Atemzug, von dem sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie ihn festgehalten hatte.
Kieselsteins
Stimme schnitt durch das Rauschen des Flusses, zerrissen und schief, gefüllt mit Worten, die sich nach Ahnen anhörten und doch falsch klangen. Krähenruf erstarrte. Für einen Herzschlag war da ein anderes Bild. Wieder ein anderes Ufer und doch so ähnlich. Ein anderes Junges, das nach Luft rang. Dann riss die Gegenwart zurück. Mit einem Ruck fuhr sie hoch, das struppige Fell gesträubt, die trüben Augen plötzlich scharf wie Glassplitter.
„Halt dein Maul,
Kieselstein
! Das ist dein Sohn da im Wasser!“
Ihre Stimme war rau, laut, ungebrochen und doch lag etwas darin, das nicht ganz hier war. Zu viel und zu alt.
„Er kämpft noch! Siehst du das nicht?!“
Ihre Krallen bohrten sich in den Boden, als könnte sie sich selbst festhalten, während alles andere ins Rutschen geriet.
„Ich hab’ das schon einmal gesehen…“
murmelte sie plötzlich, leiser, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
„Zu lange gewartet. Zu viele Stimmen. Und dann war’s still…“
Ein Zittern ging durch ihren Schweif. Dann riss sie den Kopf wieder hoch, als hätte sie sich selbst zurück in den Moment gezwungen.
„Nicht nochmal!“
fauchte sie, schärfer als zuvor.
„Die Ahnen holen sich keine Jungen, die noch kämpfen!“
Ihr Blick brannte sich in Kieselstein, aber irgendwo dahinter lag ein flackernder Schatten. Als hätte sie für einen Atemzug nicht gewusst, wen sie da eigentlich anschrie. Krähenrufs Kopf fuhr herum, so abrupt, dass es in ihrem Nacken knackte. Für einen Moment starrte sie die silbergraue Kätzin einfach nur an. Hörte die Worte, aber wollte ihnen keinen Sinn zugestehen. Der SternenClan hole ihn. Man dürfe das nicht stoppen. Lass ihn. Er sei nur ein armer Krüppel.
Als
Wolkenlied
auffuhr, scharf und zornig, und
Steinherz
sich dazwischenstellte wie ein alter Fels, sagte Krähenruf zunächst nichts. Ihre Augen blieben auf Kieselstein gerichtet, die taumelte, zerfaserte, lachte und schluchzte und schließlich fortlief, als jage sie etwas Unsichtbares. Für einen einzigen, unbeobachteten Herzschlag zuckte etwas in Krähenrufs Miene. Kein Mitleid genau. Eher ein dunkles, müdes Erkennen.
Als Dämmerlicht das Ufer erreichte, drängten sich Katzen sofort vor. Wolkenlied half, andere stützten, Silberlicht kam. Gut. Endlich taten Pfoten, wozu sie da waren, anstatt nur am Ufer zu sitzen wie aufgescheuchte Vögel. Krähenruf stemmte sich hoch. Ihre Gelenke protestierten mit stechendem Schmerz, doch sie ignorierte es. Sie machte einen Schritt nach vorn, dann noch einen, langsamer, als ihr lieb war, aber mit einer Würde, die sie sich von keinem Mond und keiner Schwäche nehmen ließ. Ihr Blick lag hart auf Nachtpfote, auf dem durchnässten, reglosen Körper des Katers, auf
Dämmerlicht
, die bebend vor Erleichterung und Erschöpfung am Ufer zusammenbrach. Einen Augenblick lang zuckte ihre Schweifspitze.
„Dämmerlicht.“
Nur ihr Name. Die Stimme der Ältesten war rau. Aber in Krähenrufs Stimme lag mehr Anerkennung, als sie den meisten Katzen in einem ganzen Blattfall schenkte.
Langsam wandte sie sich dann
Wolkenlied
zu, deren Zorn bereits in Unsicherheit umgeschlagen war, und musterte die Kriegerin mit ihren trüben Augen.
„Du hast mit zu heißem Maul gesprochen,“
knurrte sie, ohne Beschönigung. Dann glitt ihr Blick zurück zu Nachtpfote.
„Aber nicht mit falschem Herzen.“
Sie sagte die Worte, als hätte sie bereits vergessen, was sie vor wenigen Herzschlägen selbst gesagt hatte.
Ihre Ohren zuckten. Rings um sie roch es nach nassem Fell, Angst und Flusswasser. Silberlicht arbeitete bereits. Gut so. Schneestern würde mit dem Rest leben müssen. Mit der Entscheidung. Mit dem Blick des Clans. Mit dem, was dieser Tag bedeutete. Krähenruf trat noch einen Schritt näher, bis sie
Nachtpfotes
Gestalt sehen konnte, ohne dass andere Körper ihr die Sicht nahmen. So schmal. So still. Für einen flimmernden Moment war er wieder das Junge in ihrem Nest, das nach Wärme roch und zu klein wirkte für die Welt, die es eines Tages würde tragen müssen.
„Du störrischer, törichter Fischfang,“
murmelte sie heiser, mehr zu ihm als zu irgendwem sonst.
„Wenn du mir jetzt fortstirbst, zerre ich dich persönlich an den Schnurrhaaren aus dem SternenClan zurück.“
Es war keine sanfte Bitte. Eher eine Drohung an das Leben selbst. Dann hob sie den Kopf wieder, die Wirbelsäule trotz Schmerz gerade, die gelben Augen schmal und wachsam. Krähenruf blieb, wo sie war. Wie eine alte, vernarbte Krähe auf einem Ast, die den Sturm nicht aufhielt, aber ihn auch nicht fürchtete. Heute hatte der Fluss genommen, was er konnte.
Doch diesmal
, dachte sie grimmig,
diesmal hatte der Clan ihm die Beute wieder aus dem Maul gerissen.
@
Dämmerlicht
@
Nachtschatten
@
Wolkenlied
@
Steinherz
@
Kieselstein
@
Silberlicht
RE: you're gonna go far, kid
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Nachtschatten
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17.04.2026
so tired of this body
Als Dämmerlich von ihm abließ, lag er einfach still am Ufer. Reglos, ohne dass sich seine Flanke auch nur ansatzweise zu heben schien. Doch dann, ohne Vorwarnung, hustete er. Wasser wurde aus seiner Kehle gedrückt und brachte ihn röchelnd zu würgen, ehe er - wenn auch unregelmäßig - zu atmen begann.
Die Augen öffnete Nachtpfote jedoch nur kurz. Über ihm verschwommene Silhouetten, welche gewiss bedauernd auf sein Versagen herabblickten. Etwas, das ihn schmerzte und in Folge dessen dazu veranlasste, die Augen einfach wieder zu schließen.
Sein Kopf brummte derweil noch immer und erlaubte es ihm nur schemenhafte Gedanken zu fassen, die in ihm zu kreisen schienen, aber von den Worten seiner Großmutter unterbrochen wurden:
"Du störrischer, törichter Fischfang…"
Die Worte drangen nicht sofort zu dem jungen Kater durch. Zumindest nicht so, wie sie es hätten sollen. Sie lagen erst einmal irgendwo zwischen all dem anderen, was sich um ihn herum zutrug - besorgte Blicke, leises Getuschel, dem dumpfen Pochen in seinem Schädel - und gewannen nur langsam an Kontur.
Kaum merklich zuckte sein Ohr, wenngleich es sich mehr um eine unbewusste Reaktion handelte, als eine bewusste Entscheidung. Es war, als hätte er nun endgültig die Kontrolle über sich und seinen Körper verloren und trotzdem lebte er. Ein Umstand, der sich weniger wie bloße Erleichterung anfühlte, als vielmehr wie eine Fortsetzung von etwas, das längst hätte abgeschlossen sein sollen.
Und so blieben Nachtpfotes Lider geschlossen. Nicht aus Kraftlosigkeit allein, sondern weil es einfacher war, die Welt ausgesperrt zu lassen, solange sie noch nicht vollständig zu ihm durchgedrungen war. Denn das, was da draußen wartete, war kein Durcheinander aus Geräuschen oder Bewegung - es war etwas deutlich Klareres. Eine Mischung aus Erwartungen und Bewertungen. Die unausweichliche Einordnung dessen, was geschehen war. Und wenn er ehrlich mit sich selbst war, wusste er bereits, wie sie ausfallen würde.
Er hatte ihn gesehen. Nah genug, um ihn zu erreichen. Nah genug, um zu wissen, dass es möglich gewesen wäre. Und trotzdem hatten seine Mühen und Wünsche einfach nicht gereicht. Er wollte es so sehr, mehr als alles andere im Leben - einmal mit Stolz von sich selbst sagen können, dass er etwas erreicht hatte, was größer als er selbst gewesen war.
Der Kiefer des Schwarzweißen spannte sich leicht an, kaum sichtbar für neugierige Blicke, als würde sich der Moment noch einmal in ihm festsetzen wollen. Das Gewicht des Steins zwischen seinen Zähnen, die kurze, fast trügerische Gewissheit, etwas geschafft zu haben, das so bedeutend im Leben einer Clankatze war. Ein Gedanke, der sich im nächsten Augenblick als ebenso flüchtig erwiesen hatte wie alles andere. Fortgerissen, wie er selbst von der gnadenlosen Strömung.
Sein Magen zog sich zusammen und ein dumpfes, schwer benennbares Gefühl quoll in ihm auf, was er nicht deuten konnte und erst einmal nicht mehr verschwand. Weder Zorn, noch Scham in ihrer rohen, offenen Form. Eher etwas Ruhigeres und Tieferes zugleich - eine Art leise Korrektur dessen, was dieser Moment eigentlich hätte sein sollen.
"Wir können zurück zum Lager gehen"
, keuchte er schließlich leise, aber hörbar resigniert, hervor und versuchte sich daraufhin aufzurichten. Seine Bewegungen waren langsam, taumelnd und schwer. Nicht nur sein durchnässter Pelz, sondern auch der vorherige Kräfteaufwand zerrte an seiner zierlichen Gestalt und machte es ihm sichtlich schwer, das letzte bisschen Würde zu bewahren. Aber er versuchte es, bis er auf zittrigen, schwachen Beinen stand und nach Luft rang. Es fiel ihm schwer - so viel schwerer als sonst.
Angesprochen: Alle Anwesenden